Archive for the ‘Erziehen’ Category

Der Humor meines Sohnes (links) …

4. Oktober 2015

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Das Lesezeichen

9. Juli 2014

Heute Morgen fiel mir aus einem Buch ein Lesezeichen in die Hände, das mein Sohn mir vor 14 Jahren einmal geschenkt hat. Es war jahrelang in einem Buch gelegen. Als mein Sohn es mir damals zum Muttertag geschenkt hat, war er sieben Jahre alt. Ich war damals in Vollzeit berufstätig. Alle Kinder im Hort hatten solche Lesezeichen für ihre Mamas gebastelt und zum Muttertag überreicht.

Bild - Das Lesezeichen

Das Lesezeichen

Als ich heute Morgen das Lesezeichen in den Händen hielt, habe ich es mir zum ersten Mal ganz in Ruhe betrachtet.

Zum ersten Mal fiel mir auf, wie ordentlich die Zeichnung ausgemalt war. Nur an wenigen Stelle hat mein Sohn über den Rand gemalt. Auch die kleine Zwischenräume sind sorgfältig ausgemalt. Der Himmel ist blau, der Ast braun, so wie in der Realität. Die Blätter hat er mit grünem Buntstift ganz genau ausgemalt. Die beiden oberen Vögel kontrastieren in orange-roten Farben zum grün-blauen Hintergrund, während die beiden unteren Vögel ebenfalls bläulich-grünlich erscheinen. Aber wenn man genau hinguckt, sind die beiden unteren Vögel in ganz vielen verschiedenen Farben ausgemalt. Entweder hat mein Sohn hier verschiedene Stifte eingesetzt oder (und das ist meine Vermutung) er hat einen Regenbogenbuntstift verwendet. Ein Regenbogenbuntstift ist ein Buntstift, der mehrere Farben in einer Mine kombiniert. Die beiden unteren Vögel sehen auf jeden Fall sehr hübsch aus. Sie schillern in verschiedenen, ineinander übergehenden Farben.

Ich habe mich damals ganz bestimmt freudig bedankt, als mein Sohn mir das Lesezeichen gab. Aber sicher habe ich mir das ausgemalte Bild nicht eingehend angesehen. Über das „Ales gute“ auf der Rückseite habe ich gelacht und mich heimlich auch ein wenig geärgert, weil die Hortbetreuerinnen diese groben Rechtschreibfehler einfach zuließen.

Bild - Ales gute

Ales gute

Diese Rechtschreibfehler sind süß, aber auch inakzeptabel im Hinblick auf die Welt später, denn man muss lernen sich selbst zu disziplinieren und kontrollieren und korrigieren. Das habe ich aber ganz bestimmt nicht laut ausgesprochen, sondern gelacht und meinem Sohn ein Küsschen gegeben und ihn lieb umarmt für das Lesezeichen und es eingesteckt.

Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich mir das Gemalte nicht eingehend betrachtet habe, damals. Einfach, weil es schön gemalt ist und Mühe gemacht hat und weil man es ernst nehmen kann, selbst wenn es mit Unlust und unter Druck durch die Hortbetreuerin gemalt wurde. So ein eingehender, genauer, ernst nehmender Blick ist einfach unheimlich wichtig und den Regenbogenbuntstift hätte ich dann entdeckt und mir wäre aufgefallen, dass der oberste Vogel in Orange genau zur orangen Schnur am unteren Ende passt. Ein eingehender, langer, detailverliebter Blick gibt dem Lesezeichen und dem Akt des Ausmalens rückwirkend ein großes Gewicht.

Aber damals hatte ich weder zeitlich noch innerlich die Ruhe, mich eingehend mit solchen Details zu beschäftigen. Ich war froh, wenn mein Sohn nicht krank war und in Schule und Hort gehen konnte, denn es war immer stressig einen Babysitter zu finden und mit schlechtem Gewissen verbunden, im Notfall selbst nicht in die Arbeit gehen zu können. Ich wollte immer möglichst vermeiden, wegen Kind zu Hause bleiben zu müssen. Nach der Arbeit holte ich meinen Sohn oft erst im letzten Augenblick noch pünktlich im Hort ab, bevor dieser um 17:00 Uhr schloss. Mein Sohn und ich kamen dann aus zwei Welten: ich aus der Büro-Welt mit meinen Erlebnissen mit Kollegen und meinen Aufgaben, und mein Sohn aus seiner Schul- und Hortwelt mit seinen Erlebnissen in der Klasse und mit seinen Freunden. Für Details wie die Buntstiftfarbe der Vögel gab es an den kurzen Abenden einfach keinen Raum. Ich hatte nicht die Nerven und nicht die Zeit.

Wie töricht ist unsere Gesellschaft, wenn sie die Berufstätigkeit von Müttern an die erste Stelle setzt durch Ausbau der Krippen und KiTas und damit eine Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit vorgaukelt.

Schrecklich, dass unsere Kinder für unsere Torheit bezahlen.

Meine eingehenden Betrachtung des von meinem Sohn ausgemalten Lesezeichens fand 14 Jahre zu spät statt.

 

Eine neue Perspektive? – Wie es weiterging!

1. Februar 2014
programmer

(Foto: canstockphoto.com)

Seit fast vier Jahren habe ich keinen Eintrag mehr für dieses Blog verfasst. Dieser Blogeintrag beschreibt, wie es weiterging bei uns und ist gleichzeitig eine Antwort auf Elena’s Diskussionsbeitrag unter dem Blogeintrag „Eine neue Perspektive“ (am besten diesen Blogeintrag zuerst einmal durchlesen).

Hier möchte ich zunächst einmal Elena’s Beitrag zitieren:

Hallo ,
ich bin selber arbeitende Alleinerziehende Mutter a zwei Kinder – keine einfachen Kinder , aber wer/was ist schon einfach…
Mein Sohn ist mittlerweile 13 jahre alt und Gymnasiast in ein Münchener Gymnasium. Die von dir beschriebene Verhältnisse kenne ich leider zu gut.
Dazu kommt das mein Sohnemann eine viel , viel zu niedrige Frustationsgrenze hatte und manchmal noch hat,in alle Bereiche .
Als mein Sohnemann die dritte Klasse noch besuchte , wurde bei ihn eine nichtvorübergehende Legastenie UND ADHS festgestellt . Sein Vater hat es auch .
Jedoch- da ich gegen Retalin bin , habe ich mir andere Wege ausgedacht .
Somit , habe ich Ihn in damals sofort im ein Hockeyvereins angemeldet wo er immer noch 3 mal / Woche trainiert und am WE Hockeyspiele hat.
Zusätzlich dazu , 2mal/ Woche an die Isar joggen gehen ( ich radle dann mit 😦
10 stunden Schlaf sind seitdem Pflicht .
Fernsehen gibt es nur am WE , wenns unter der Woche sein muss/ musste , dann ARTE oder Animal Planet nach den Hausaufgaben.
Haushalt mit organisieren bzw. Verantwortung übernehmen .
 Computer , PCs Spiele , etc., maximal 2 Stunden am WE als Belohnung .
Er musste mir jeden Abend 15-20 min. Lesen , dann ich ihm..
Ich habe Spielabende eingeführt ..
Vitamin D über den Winter …
Nicht nur seine Grenzen sondern auch meine sind dadurch enger geworden .
USW.
Und siehe da , er hat es mit 1,66 ins Gymi geschafft ( obwohl der Arzt meinte ” unter diese Vorausetzungen , niemals !”) , ist Klassensprecher ,hat sich zu eine Leseratte entwickelt , joggt gerne bis zu 7 km.und hört Musik dabei , hat jede Menge Spaß am Hockey , und liebt mich immer noch;-) .
Klar , es ist arg anstrengen ,man muss als Mutter viel , viel erklären , sich oft wiederholen , manchmal / oft schimpfen dabei – ab und zu selber sein Wut kontrollieren , jedoch – mei , wir wollten sie haben 🙂 . Zum Glück !
Und meinen 10 Jährige Tochter ( ADHS , bekommt auch kein Ritalin )schadets das Ganze und in der Form auch nicht. Obwohl sie extrem Meinungsstark und manchmal ” beratungsresistent” ist – ich habe das Sagen . Sie spielt Hockey, halbe Stunde täglich Spazieren ist Pflicht ,Malt in jeder freie Minute und geht ab Sept. zum Gymnasium . Als Belohnung , kriegt sie das was sie sich arg wünscht : Gittarenunterricht .
Ergo : Kinder ( ich denke nicht nur meine ) brauchen viel Bewegung und strenge Grenzen..meiner Meinung nach.
Ganz liebe Grüße und viel Glück ,
 Elena

Nun folgt meine Antwort.

Liebe Elena,

Ich gebe Dir in fast allen Punkten vollkommen Recht.

Kinder brauchen viel Bewegung und strenge Grenzen“ – ganz genau richtig.

Super, dass Ihr das ADHS ohne Ritalin so gut in den Griff bekommen habt!

Der einzige Punkt, in dem ich glaube ich eine andere Meinung habe ist, dass Du schreibst, Du lehnst Ritalin ab – generell ab, wenn ich Dich richtig verstehe. Ich finde, solange man das ADS oder ADHS anders in den Griff bekommt und die Kinder keinen Schaden davon tragen (z.B. eine schlechte Schulbildung oder keinen Schulabschluss) sollte man ruhig auf Ritalin verzichten. Aber es ist sicherlich von Fall zu Fall unterschiedlich, ob man es ohne Ritalin schafft oder nicht. Es spielt die Stärke des AD(H)S eine Rolle, die genetische Veranlagung des Kindes und auch die erzieherischen Fähigkeiten der Eltern. Ich glaube, wenn man es anders nicht in den Griff bekommt, ist es besser, einem Kind Ritalin zu geben bevor es wegen ADHS einen schlechten Start im Leben hat.

Ein Riesenvorteil ist es natürlich, wenn man überhaupt erst einmal erkennt, dass das Kind AD(H)S hat. Und wenn man es möglichst frühzeitig erkennt. Dann kann man ganz bewusst damit umgehen, es gibt ja ganze Bücher darüber, wie man mit AD(H)S auch ohne Medikamente leben kann. Man kann sich in Ruhe damit auseinandersetzen und alles versuchen – und immer noch auf Ritalin zurückgreifen, wenn es alles andere nicht oder nicht ausreichend hilft.

Bei uns war es so, dass mein Sohn, als ich den Artikel oben geschrieben habe, 16 Jahre alt und im letzten (Haupt-)Schuljahr war.

Wir haben Ritalin in einer geringen Dosis in Absprache unserer Hausärzing getestet: schon 10 mg hatten eine spürbare Wirkung. Ich möchte kurz erzählen, wie unser erster Test war:

Mein Sohn war gerade dabei, aus dem Internet Informationen für eine Arbeit für die Schule zu sammeln. Er saß an meinem Computer und recherchiert und  nahm eine 10 mg Tablette Ritalin. Ich saß an einem anderen Tisch und arbeitete. Nach ca. 20 Minuten sagte mein Sohn, „nee Mama, ich merk‘  gar nichts von dem Ritalin“ und klickte weiter im Internet herum. Dann drehte er sich irgendwann um und begann, mir etwas von seiner  Schule zu erzählen.  Wir kamen in ein entspanntes (!) Gespräch (!) und unterhielten uns über seine Schule, über Freunde und Lehrer. Es entwickelte sich ein sehr gutes und langes Gespräch. Wir hatten schon Jahre nicht mehr so miteinander gesprochen! Ich machte meine Sohn darauf aufmerksam und fragte ihn, ob er meine, dass es mit dem Ritalin zusammenhängen könnte. Er sagte ja, auf jeden Fall, denn er habe sonst wirklich nie Lust und Geduld, sich länger mit mir zu unterhalten und jetzt habe er richtig Lust zu erzählen.

Wir haben dann in Eigenregie mit den 10mg-Ritalin-Tabletten noch ein wenig herumexperimentiert , er hat auch in der Schule Ritalin genommen und berichtete, dass ihm die Schule damit extrem leichter falle, er könne aufpassen und sich alles merken.

Daraufhin meldete ich meinen Sohn bei einer auf AD(H)S spezialisierten psychologischen Gemeinschaftspraxis an. Er wurde dort gründlich getestet und der Befund war, dass er ADS hatte. Er bekam psychologische Beratungsgespräche bei einem Psychologen und die darauf spezialisierte Ärztin stellte zusammen mit ihm die passende Dosis (und die passende Form, da gibt es nämlich Unterschiede bzgl Wirksamkeitskurve während des Tages) Ritalin ein.

Von da ab ging es bei meinen Sohn nur noch bergauf in der Schule.

Wir haben den Lehrern in der Schule nicht gesagt, dass mein Sohn nun Ritalin nimmt, weil es so viele Vorbehalte dazu gibt.

Ich kann mich noch an den Elternsprechtag im zweiten Halbjahr erinnern. Dieses Schuljahr war ja extrem wichtig, weil es das Abschlussjahr der Hautpschule war! Mein Sohn hatte noch im ersten Halbjahr dieses Abschlussjahres sehr schlechte Noten gehabt! Erst im April hatten wir mit Ritalin angefangen. „Es sieht so aus, als ob Ihr Sohn im letzten Moment die Kurve kriegt“ meinte der Klassenlehrer meines Sohnes. Mein Sohn sei vollkommen verändert: aufmerksam, pflichtbewusst, aufnahmebereit und er gibt immer kluge Beiträge. Die Noten seien einfach phänomenal, im Vergleich zu vor wenigen Monaten. Er habe kaum jemals so eine Wende gesehen. Diese Entwicklung sei fast ein Wunder. Mein Sohn sei den meisten seiner Klasse voraus und könne, wenn er so weitermache, nach seinem qualifizierten Hauptschulabschluss auf den weiterführenden M-Zweig wechseln um auf der Schule nächstes Jahr die mittlere Reife zu machen.
Auch die anderen Lehrer äußerten sich alle in überaus lobenden Tönen und überrascht darüber, dass mein Sohn im zweiten Halbjahr des letzten Schuljahres noch so zur Vernunft gekommen war.

Als ich von diesem Elternsprechabend von der Schule nach Hause lief war ich fast fassungslos und fühlte mich so leicht und unbeschwert wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. So einen Elternsprechtag hatte ich noch nie erlebt! Früher war es genau das Gegenteil gewesen: düstere Zukunftsprognosen, Warnungen, Druck. Zukunftssorgen – realistische, begründete Zukunftssorgen!

Der Hauptschulabschluss fiel dann sehr gut aus und mein Sohn schaffte alles mit großer Leichtigkeit. Er hatte einen Erfolg nach dem anderen, eine super Note nach der anderen. Er wechselte auf den M-Zweig der Hauptschule und machte seine mittlere Reife.

Danach besuchte er die FOS, die er aber wegen mangelndem Durchaltevermögen und weil er nie gelernt hatte, zu lernen, zweimal abbrach. Es folgte eine Ausbildung, die er aber auch nach einem halben Jahr abbrach, weil er sie langweillig fand. Das war für mich wieder eine überaus sorgenvolle Zeit. Ritalin alleine ist kein Garant auf ein erfolgreiches Leben. Es gehören Disziplin, Wille, Durchhaltevermögen dazu.

Durch einen glücklichen Zufall bekam mein Sohn dann  aber einen Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf: Anwendungsprogrammierer. Er wird bald 21 Jahre alt und macht im Moment mit bestem Erfolg die Ausbildung. Er geht mit Lust und Freude hin und ist zielstrebig.

Mein Sohn nimmt immer noch Ritalin und treibt leider KEINEN Sport  – das macht mir etwas Sorgen, denn wie Du, Elena, glaube ich, dass Sport das ADS Problem erleichtern würde. Er ist aber ansonsten einigermaßen vernünftig und ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit bis er anfängt, Sport zu treiben. Es wird sich zeigen, ob er aus dem Ritalin irgendwann herauswächst.  Der Körper, die Hormone etc. ändern sich ja im Laufe des Lebens.

Wir wohnen seit 1,5 Jahren nicht mehr zusammen. Ich bin zudem aus beruflichen Gründen vor einem halben Jahr in eine ca. 300 km entfernte Stadt gezogen. Wir haben guten Kontakt und unser Verhältnis ist insgesamt sehr gut.

(Ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass das Modell „Alleinerziehen“ katastrophal für unsere Gesellschaft ist und den Kindern und alleinerziehenden Müttern schadet.)

Ich wünsche Dir, lieber Elena, und allen die dies lesen alles Gute weiterhin und dass sich Eure Kinder zu produktiven, verantwortungsvollen und glücklichen Erwachsenen entwickeln!

Beobachtungen im Zug

28. Februar 2010

Ich habe meine selbstständige Tätigkeit aufgegeben und arbeite wieder als Angestellte.

Dazu nehme ich jeden Morgen um 06:55 den Zug zur nächsten Großstadt.

Den größten Anteil der zahlreichen Fahrgäste diese Zuges sind Jugendliche im Alter von ca. 13 bis 18, die zur Schule oder Ausbildungsstelle fahren.

Was mir auffällt:

Selbst bei Schnee- oder Regenwetter: viele Jugendliche stützen ihre Beine ab, indem sie ihre Schuhsolen auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz (auf dem stoffbezogenen Polster) abstellen.

Taschen, Ordner, Sportbeutel werden grundsätzlich  auf die freien Sitzplätze verteilt. Selbst bei gut besetztem Zug werden diese Plätze nur nach Aufforderung freigeräumt („Ist da noch frei?“ Oder „Kann ich mich da bitte hinsetzen?“)  Meist ohne Antwort und mit genervter Mimik.

Und es gilt das Prinzip: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Alten Leuten wird nicht freiwillig ein Platz angeboten. Wenn diese nicht selbst aktiv werden und darum bitten, dass man ihnen einen Platz freimacht, müssen sie stehen bleiben.

Woher kommt das? Ich glaube nicht, dass unsere Jugendlichen grundsätzlich ‚schlechter’ sind als früher. Aber: sie sind weniger erzogen.

Und woher kommt das?

Ganz einfach: weil die Eltern keine Zeit haben, ihre Kinder zu erziehen. Alleinerziehende Mütter schon gar nicht.  

Ganztags im Kindergarten (© Pavel Losevsky - Fotolia.com)

Und in 10 bis 25 Kinder großen Ganztags-Kindergarten-(Schul-, Hort-)gruppen erwerben die Kinder untereinander Sozialkompetenz, aber wie man sich in einer zivilisierten Gesellschaft bewegt, die nicht nur aus homogenen Kindergarten-, Ganztagsschulen- oder Hortgruppen besteht, lernen sie nicht.

komplexe Gesellschaft, komplexe Welt

Nachtrag vom 19. Juli 2010:

heute bin ich mit einer weißen Hose bekleidet mit dem Zug in die Arbeit gefahren. Ich setzte mich auf einen freien Platz. Ich habe mehr als 1 Std Fahrtzeit vom Wohnort zur Arbeit (Zug, Bus). Als ich aufstand, war meine Hose hinten nass. Ich hatte beim Hinsetzen nicht bemerkt, dass der Sitz nass war. Eklige Angelegenheit. In was hatte ich mich da gesetzt? Auf der Toilette in der Arbeit um kurz nach 8 Uhr früh habe ich dann gesehen, dass es wohl Kaffee gewesen sein musste. Hinten auf der weißen Hose!! Ich hatte die Wahl, entweder noch einmal nach Hause zu fahren um die Hose zu wechseln (Zeitverlust mindestens 3 Stunden), oder vom Industriegebiet mit dem Bus in die Stadt zu fahren und mir eine neue Hose zu kaufen (Zeitverlust mindestens 2 Stunden). Ich entschied mich für Letzteres. Irgendso ein rücksichtsloser Fahrgast hat seinen Kaffee mit in den Zug genommen, auf dem Sitz muss der Kaffeebecher umgekippt sein (denn meine Hose war ziemlich nass und der Fleck war sehr großflächig). Anstatt einen Zettel „Vorsicht nass“ auf den Sitz zu legen, lässt es dieser Fahrgast einfach zu, dass sich eine andere Person in seinen Kaffee hineinsetzt. Gute Nacht.

Eine einfache Rechnung

20. April 2009

Vorhin wieder ziemlichen Streit mit meinem Sohn gehabt. Er hat sich seit ein paar Tagen in den Kopf gesetzt, in die Großstadt ziehen zu wollen (mit 16!) und dort eine Ausbildung machen zu wollen. Weil er „dieses Kaff hier satt hat“ und weil es hier „so langweilig ist“.

alles ätzend

alles ätzend

Ich habe ihm klar gemacht, dass er hier bleibt und hier entweder ein weiteres Schuljahr oder hier eine Ausbildung macht.

Streit, Türenknallen, Nichteinhalten von Vereinbarungen, Unverschämtheiten.

Wir sind vor 5 Jahren aus einer Großstadt hierher gezogen, weil das soziale Umfeld desaströs für meinen Sohn war, sobald er in die Hauptschule ging. Ich habe für diesen Umzug sehr viel aufgegeben und er hat es hier sehr gut.

Ich stelle immer wieder fest, dass mein Sohn unglaublich selbstbezogen, egoistisch, verwöhnt, verweichlicht ist und keine gute Selbsteinschätzung hat. Ein Wort fasst es zusammen: Narzissmus.

Nun ist mein Sohn erst 16 und sein Charakter noch nicht fertig entwickelt. Ich hoffe, das legt sich noch.

Trotzdem habe ich eben per Google folgenden interessanten Text über Narzissmus gefunden:

Nach einer Studie der Universität von San Diego (Kalifornien) sind die nach 1982 geborenen Menschen…  

„… die narzisstischste Generation der jüngsten Geschichte und eher weit entfernt von einer sozialen Orientierung. Dieser amerikanische Befund deckt sich mit Jugendstudien aus dem deutschsprachigen Raum, wonach es immer mehr Jugendliche gibt, die wenige tragfähige soziale Beziehungen entwickeln, sich nicht sozial integrieren können und sich letztlich selbst in den Mittelpunkt stellen.“
(Hervorhebungen von mir)

Die „nach 1982 geborenen Menschen“! Das sind die Kinder der sogenannten 68ger Generation (Love, Peace, Flower-Power).
Stichwörter: Pille, Feminismus, freier Sex, Drogen, Selbstverwirklichung, Linksextremismus, antiautoritäre Erziehung, Lebensabschnittspartner statt Ehe.

zukünftige Alleinerziehende?

zukünftige (Mutter einer) Alleinerziehende(n)?

Und wie kommt es zur Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeit?
Darüber heißt es im zitierten Artikel:

„Die Ursachen des Narzissmus sind neben einer gewissen erblichen Disposition vor allem auch die familiären Verhältnisse. Narzissmus entsteht meist in der frühen Kindheit, wenn sich normalerweise das Selbstwertgefühl und die eigene Individualität entwickeln. Häufig werden später narzisstische Kinder wenig wahrgenommen („ich war wie Luft“) und in ihren Bedürfnissen nicht unterstützt oder überfordert („du bist mein großer Junge, das schaffst du auch alleine“). Oft werden sie aber auch überhütet, so dass sie keine Gelegenheit haben, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Oft ist die Mutter sehr dominant, der Vater faktisch nicht vorhanden. In Ehen, in denen es kriselt, werden die Söhne dann auch von den Müttern als „Partnerersatz“ behandelt und erwarten von ihnen jene Aufmerksamkeit und Zuwendung, die sie vom Partner nicht bekommen.“
(Hervorhebungen von mir)

kann alles, schaffe alles

kann alles, schaffe alles

Machen wir mal eine einfache Rechnung auf:

Alleinerziehen + Dauerfremdbetreuung – Vater = Narzissmus

Eine neue Perspektive

6. April 2009
Die Schule und das Leben besser in den Griff bekommen?

Die Schule und das Leben besser in den Griff bekommen? (Foto©DanielFuhr-Fotolia.com)

Letzten Freitag habe ich C., eine alte Schulfreundin, getroffen. Wir haben uns viele Jahre nicht gesehen. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet halbtags als Ärztin in der Psychiatrie.

Ich erzählte ihr von den Schulproblemen meines Sohnes, der jetzt 16 Jahre alt ist. Von seiner Odyssee von der Hauptschule in München zur hiesigen Hauptschule auf dem Land, über die hiesige Realschule wieder zurück zur Hauptschule, ins Internat und wieder zur Hauptschule hier. Von den Jahren, in welchen Schule und Hausaufgaben ein ewiger Streitpunkt waren. Davon, dass auf allen Schulen alle Lehrer einstimmig das Lied sangen: „Er könnte, wenn er wollte …“
Und dass unser Verhältnis in der letzten Zeit besser geworden ist. Dass er sich irgendwie mit sich selbst und mit mir arrangiert hat und ich mich mit ihm und mit mir.

C. fragte, woran diese Schulprobleme usw. lägen.

Ich erzählte ihr von meinen Theorien: der fehlende Vater, die Medienüberflutung und falsche Vorbilder, die Gene, die ersten Schuljahre, der Hort, meine Zerrissenheit zwischen Beruf und Kind.

„Bist Du sicher, dass es da nicht noch eine weitere Ursache gibt? Die eigentliche Ursache?“

fragte C.
Denn, sagte sie, sie habe ganz ähnliche Schulprobleme auch mit ihrem Sohn gehabt, der jetzt neun Jahre alt ist.

Sie erzählte mir von ihrem täglichen Kampf um die Hausaufgaben, den ich nur zu gut kannte. Von der Unfähigkeit ihres Sohnes, strukturiert arbeiten zu können, und überhaupt strukturiert im Alltag handeln zu können, nach dem Muster: ich nehme mir etwas vor und führe das dann aus. Außer es handelte sich um etwas, für was er sich brennend interessierte. Dann ging es. Die Schule (und vieles mehr) war das allerdings nicht. Sie erzählte von ihren Selbstzweifeln, wie sie ihre Erziehung in Frage stellte und die Nerven immer blanker wurden. Auch das kenne ich nur zu gut. Auch die Psychodynamik, der Teufelskreis, in dem man sich dann bewegt, wenn das Kind nicht so kann oder will, wie es sollte und könnte, und wenn man um des Kindes Wohl darum kämpfen muss, dass es das lernt, wie schlimm die Streits sind, und wie immer mehr vom Selbstbewusstsein des Kindes und der Mutter verloren geht und das Verhältnis immer schlechter wird.

Dann, sagte sie, sei sie auf das Thema „ADS“ aufmerksam geworden und habe darüber in Büchern und im Internet gelesen. Sie erklärte mir, dass es Kinder mit ADHS gibt, – das sind hyperaktive Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und Kinder mit ADS – das sind Kinder, die nicht hyperaktiv sind, aber auch ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom haben.

Sie ging zu einem Spezialisten, der ihrem Sohn die Diagnose ADS bescheinigte. Und das einzige, was die Probleme ihres Sohnes sofort und mit einem Schlag zu 100% löste war – Methylphenidat: Ritalin & Co. Alle erzieherisch-psychologischen Bemühungen, die bei ADS empfohlen werden, waren dagegen wirkungslos. Das Medikament habe die quälenden Probleme mit der Schule und verwandten Dingen, und das dadurch entstandene schlechte Verhältnis zwischen entnervtem Sohn und entnervten Eltern nach allerkürzester Zeit in Nichts aufgelöst. In Nichts! Ihrem Sohn gehe es blendend. Ihr Leben habe sich wieder normalisiert.

Die Symptome, über die auch viel im Internet steht, passen sehr gut auf meinen Sohn und unsere Geschichte. Ich habe die Sache mit ihm besprochen. Er zeigt sich interessiert und experimentierfreudig. Nächste Woche gehen wir zur Hausärztin, um ihm Ritalin verschreiben zu lassen. Die monatelange Ärzte-Odysee mit psychologischen Tests usw. werde ich ihm und mir ersparen. C. meinte, dass man die Wirkung sehr schnell merkt, wenn ein ADS vorhanden ist. Man muss mit der Dosierung ein wenig herumprobieren. Wenn kein ADS vorhanden ist, wirkt es nicht (oder nicht so, dass es hilfreich ist) – dann setzt man es eben wieder ab.

Sollte sich der Verdacht bestätigen und ihm das Medikament deutlich helfen, steht uns in den nächsten Wochen so eine Art private Weltrevolution bevor. Nach so vielen Jahren??!!

Theater, Musik und Kunst

6. April 2009
Theater der Jugend in München

Theater der Jugend in München (2003)

Am Wochenende war ich mit Freundinnen in einem Restaurant.

H. meinte:

„Wenn man ein Kind von klein auf mit Theater, Musik und Kunst in Berührung bringt, dann wird es später, wenn es erwachsen ist, darauf zurückgreifen und Theater, Kunst und Musik gegenüber aufgeschlossen sein und Verständnis dafür haben, ja geradezu danach verlangen.“

Ich hielt dagegen:

 „Das ist manchmal so, aber nicht immer. Es kommt auf das Kind an. Ein Kind ist nicht wie ein programmierbarer Computer, das man nur mit den richtigen Inhalten füttern muss, damit eines Tages das entsprechende Ergebnis ausgegeben wird. Mein Sohn hat sich weder für Theater, noch für Ballett oder Oper interessiert. Wir haben ein paar wirklich gelungene, altersgerechte Aufführungen besucht im Theater der Jugend in München und im Nationaltheater. Während mir das Herz höher schlug, fand er das alles schrecklich langweilig. Das Leben ist kompliziert.“

H. ist ledig, 43 Jahre alt und hat keine Kinder (vor ein paar Jahren wurde sie schwanger, da hat sie abgetrieben).
Deshalb denkt sie so!

Die „männliche Bezugsperson“

22. März 2009

Immer wieder heißt es, Kinder bräuchten zwar nicht unbedingt einen Vater, aber eine „männliche Bezugsperson“ sollten Kinder idealerweise haben. Das kann ein guter Freund, ein Onkel, ein Pfarrer, ein Lehrer oder ein Fußballtrainer sein.

Mit diesem Argument lässt sich wunderbar argumentieren, dass Väter eigentlich entbehrlich und ersetzbar sind – woran vor allem Alleinerziehende und Lesben-Paare mit Kindern Interesse haben, damit ihr Lebensmodell akzeptiert und gefördert wird. Und damit sie fühlen, dass sie das Richtige tun. Ohne Vater.

Sind Väter ersetzbar? (Bild © vision images - Fotolia.com)

Sind Väter ersetzbar? (Bild © vision images – Fotolia.com)

So schön die Theorie klingt – in der Praxis klappt das meistens nicht!

Denn: Bis ein Kind richtig erwachsen ist, braucht es ca. 20 Jahre. 20 Jahre sind eine lange Zeit! In 20 Jahren verändern sich die Menschen, mit welchen wir zu tun haben. Sie wechseln den Wohnort, ändern ihre Interessen, suchen sich andere Freunde, machen Karriere, heiraten, bekommen selbst Kinder, wandern aus, bekommen Depressionen, schließen sich obskuren religiösen Gruppen an, werden kriminell usw.

Ich bin mitten im Studium, mit 23 Jahren, schwanger geworden. Eine Sensation! Ich war die erste von meinen Freunden und in meiner Familie (1 Schwester, 2 Cousinen). Alle waren sehr interessiert. Mein damaliger Liebhaber verließ mich zu meinem großen Schmerz sofort, aber meine sonstigen Freunde, auch die männlichen, waren sehr an meinem Sohn interessiert. Alle waren solidarisch mit mir, alle unterstützten mich.

Es gab mehrere Freunde, die sich sehr für meinen Sohn interessiert haben. Aber das alles ist total unverbindlich, einfach weil das Leben nicht geradlinig verläuft! Und weil junge Leute jung, oberflächlich und naiv sind (auch wenn sie sich für tiefsinnig und weise halten!) Den Großteil des damaligen Interesses an meinem Sohn, dem unehelichen Kind ohne Vater, und mir, der versehentlich schwanger Gewordenen, würde ich heute als ‚romantisch verklärt’ bezeichnen. Diese Freunde studierten weiter, ich hingegen interessierte mich immer mehr für Windeln und Spielplätze – der Kontakt flachte bald ab und kam nach ca. 2-3 Jahren ganz zum Erliegen.

Mein damals bester Freund, der sich in den ersten Jahren regelmäßig um meinen Sohn kümmerte, zog nach wenigen Jahren studienbedingt weit weg, lernte eine Frau kennen, zog mit ihr zusammen, wir verkrachten uns aus geschäftlichen Gründen, er wurde irgendwann depressiv – wir haben zwar noch Kontakt und sind befreundet, aber von Bezugsperson zu meinem Sohn kann überhaupt keine Rede mehr sein! Auch andere Freunde sind mit meinem Sohn mal Drachensteigen gegangen u.ä., aber das ist überhaupt kein Vaterersatz!

Solange ein Kind noch klein und süß ist, und die Mama jung und attraktiv, ist es nicht schwer, ‚männliche Bezugspersonen’ für sein Kind zu finden. No problem! Aber was, wenn das Kind sich zu einem jugendlichen Rebellen entwickelt, der Hip Hop statt Beethoven hört, sich einen Dreck für die Interessen der ‚männlichen Bezugsperson’ interessiert, frech ist und die männlichen Bezugsperson feststellt, dass es mit der Latein-Nachhilfe wohl doch nichts wird, weil sein Schützling faul auf der Hauptschule herumlümmelt?

Wer, außer ein Vater, kann sowas durchstehen? Wer, außer ein Vater, bringt die Kraft auf, solche Jahre in unendlicher Geduld, stundenlangen Diskussionen, immer neuen Anläufen zu seinem Kind durchzustehen?

Wer steht sowas wirklich durch?

Wer steht sowas wirklich durch? (Bild©GalinaBarskaya-Fotolia.com)

Wenn es wirklich hart auf hart kommt: ist die männliche Bezugsperson in aller Regel längst über alle Berge und frau steht alleine mit ihrem rebellierenden Teenager da!

Wenn es wirklich hart auf hart kommt: brauchen Kind und Mama einen Vater! Und damit es gar nicht erst wirklich hart auf hart kommt, braucht ein Kind erst recht einen Vater!

Disclaimer: nein, ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass Väter auch versagen können. Ich weiß, dass es Einzelfälle gibt, in welchen es toll funktioniert hat mit der männlichen Bezugsperson. Ich rede hier von Wahrscheinlichkeiten, von der großen Linie, sozusagen von Gesetzmäßigkeiten des Lebens, von denen es natürlich Abweichungen gibt.

Der beste Podcast aller Zeiten für ratlose Eltern

21. März 2009

Der beste Podcast aller Zeiten für ‚parents of struggling teens’, also für Eltern, deren Kinder im Teenager-Alter schwierig sind ist:

Heartlight Radio

Heartlight Radio with Mark Gregston

Heartlight Radio with Mark Gregston

Man kann den Podcast (1 x wöchentlich) kostenlos downloaden oder sogar im iTunes abonnieren! Ich höre diesen Podcast seit einem Jahr. Die ca. 50 Minuten lange Radiosendung steht bereits samstags zum Abruf bereit. Ich höre sie mit meinem iPod immer am Sonntag, meinem „Heartlight“ Tag.

Zum Download bitte hier (link klicken!) entlang.

Man muss sich bei oneplace anmelden, um die Downloadberechtigung zu bekommen, aber ich wurde noch nie mit Werbung oder Spam belästigt, kann das also vorbehaltlos empfehlen. Sich zu registrieren ist sogar praktisch: wenn man noch andere Radiosendungen abonniert (alles christliche Sender, es gibt zu mannigfaltigen Themengebieten Sendungen) kann man diese Abos nämlich in seinem kostenlosen Account verwalten.

Jeden Sonntag erhalte ich durch Mark Gregstons Radiosendung einen wichtigen Impuls, den ich meist versuche, sofort in die Tat umzusetzen. Zum Beispiel habe ich von Mark Gregston gelernt, dass ich besser nicht dauernd reden und an meinem Sohn herumkorrigieren sollte, sondern mich ganz bewusst zurücknehmen sollte und abwarten sollte, ob er nicht selbst anfängt, von sich zu erzählen. Ein Vorschlag Mark Gregstons an die Eltern war, einfach einmal einen ganzen Nachmittag lang gar nichts zu sagen. Seither kontrolliere ich mich in dieser Hinsicht viel mehr und stelle meinem Sohn auch mehr Fragen als früher und lasse sogar manchmal Meinungen oder Einstellungen von ihm im Raum stehen, die mir gar nicht gefallen: ich beiße mir auf die Zunge und nehme mir vor, das Thema später oder ein anderes Mal noch einmal anzusprechen.

Mark Gregston ist für mich fast so etwas wie ein Engel – er hat mir, allein durch seine wöchentliche Radiosendung, sehr geholfen. Er hat mich immer wieder bestärkt und mir wichtige Einsichten und Inspirationen gegeben.

Mark Gregston ist ein (ich glaube, extrem begabter, geradezu genialer) Pädagoge und hat mit seiner Frau eine Art christliches Internat gegründet, in der so um die 40 Teenager je nach Bedarf zwischen 3 Monaten bis ca. 1 Jahr betreut werden können. Eltern, die überhaupt nicht mehr weiter wissen, deren Kinder weggelaufen sind, Schule geschwänzt haben, Drogen und Alkohol konsumierten, häusliche Regeln ignoriert haben und extrem respektlos sind usw., können Ihr Kind dort eine Zeit lang unterbringen. Die Teenager wohnen mit Betreuern dort in Wohngruppen zusammen in einer wunderschönen Anlage, in großen Blockhäusern und werden dort auch unterrichtet. Die Regeln sind sehr streng. Das ganze ist christlich-evangelikal, aber sehr bodenständig und nicht etwa weltfremd ausgerichtet. Hier kann man sich die Einrichtung ansehen.

Sein Kind dort unterzubringen ist sehr teuer, das können sich nur wirklich wohlhabende Eltern leisten – und es ist ja auch nur für eine beschränkte Zeit gedacht, um dem Kind und den Eltern aus der schwierigen Phase zu helfen.

Wenn Sie das hier lesen und jemanden kennen, der/die eine schwierige Phase mit seinem/ihrem Teenager durchmacht und Englisch versteht, geben Sie bitte diesen Podcast-Tipp weiter!

Wenn man den Podcast abonniert, kann man auch alle Sendungen bis Juli 2008 abrufen –äußerst hörenswert, hilfreich, inspirierend!

Mark Gregston hat auch Bücher, CDs und DVDs produziert. Die habe ich aber noch nicht getestet. Ich vermute aber, dass die auch sehr gut sind. Hier kann man seine Bücher usw. ansehen und bestellen, z.B. sein Buch „When Your Teen is Struggling“.

Das hier ist kein Werbe-Posting, sondern ich hoffe, dass Eltern, die davon ebenso profitieren können, an die Info kommen, dass es ihn gibt! Aber man muss Englisch verstehen, der Podcast ist auf Englisch!

Seit kurzem gibt es auch die Möglichkeit, eine tägliche, ganz kurze eMail von Mark Gregston zu abonnieren. Diese besteht nur aus wenigen Zeilen, gibt aber täglich einen klugen Rat oder eine Ermutigung oder einen Gedanken, der mich zum Nachdenken bringt.

Im Leben gibt es nichts umsonst

20. März 2009

In den letzten Jahren hat mein Sohn mir immer wieder Geld aus der Geldbörse gestohlen. Manchmal war ich mir nicht sicher. Es gab ein paar Mal großen Krach und in letzter Zeit hat das aufgehört – war mein Eindruck.

Nun ist mein Sohn auf Klassenfahrt (Hauptschul-Quali-Abschlussfahrt) in Berlin. Er wollte unbedingt einen Laptop mitnehmen. Da er keinen besitzt, wollte er einen von meinen drei Laptops, die aber alle drei für mein Unternehmen wichtig sind und auch ausschließlich dafür bestimmt sind, mitnehmen. Ich habe es ihm sehr deutlich und ausdrücklich streng verboten.

Laptop und Internet

Mit auf Klassenfahrt nehmen - streng verboten. (Bild© HLPhoto-Fotolia.com)

Gestern habe ich bemerkt: ein Laptop fehlt. Habe sofort meinen Sohn in Berlin angerufen. Der leugnete erst, gab es dann aber gleich zu: ja, er habe meinen Laptop dabei.

Ich konnte es nicht fassen. Diese Missachtung von Eigentum, Regeln, die Ignoranz gegenüber den Interessen meiner Firma (Neustart), von deren Erfolg wir finanziell abhängen, und das charakterschwache Lügen und mich-Hintergehen bringen mich zur Weißglut.

Was sollte ich nun tun? Eine unmissverständliche Konsequenz, ein klares und schmerzhaftes Zeichen muss sein! Zuerst wollte ich seinen supertollen extremschnellen  und teuren Game-Computer, den er erst zu Weihnachten bekommen hat, verkaufen. Dann sagte ich mir: erstmal cool down. Ich neige oft zu unüberlegten Schnellschlüssen. Hier muss eine kluge Lösung gefunden werden.

Ich kam auf die Idee, im Internet zu suchen, was andere Eltern in solchen Situationen machen: google „Mein Sohn klaut“.

Sofort stieß ich auf diese (Link klicken!) Website.

Zitate:

„(…) Er ist übrigens 12 Jahre alt und ich bin allein erziehend“

„(…) bin alleinerziehende mama von 3 jungs und er macht mir am meisten schwierigkeiten und ich werde doch bald das jugendamt einschalten“

„(…) die ki-psych hat mir nahegelegt.. meinen sohn in ein internat zu geben. ich bin auch alleinerziehend und (…)

Super, dass heutzutage Beruf und Kinder so klasse unter einen Hut zu bringen sind. Dank Frau von der Leyens Kinderkrippenplätze in Zukunft ja noch mehr! Bahn frei für die „Einelternfamilie“!

Nun ja, brauchbaren Tipps habe ich auf dieser Diskussionseite keine gefunden, aber ich habe mir selbst etwas ausgedacht. Beruflich will mein Sohn später mal programmieren oder sowas in der Richtung machen. Mit einem Hauptschulabschluss hat er da aber erstmal keine Chance.

Die Strafe fürs Laptop-Klauen wird sein: Er wird keinen Internet-Anschluss mehr haben. Um diesen wieder zu bekommen wird er – mit meiner starken Unterstützung (ich hab’ne Ausbildung in der Richtung) – ein Buch durcharbeiten, womit er spielerisch Visual C# programmieren lernt. Es gibt im Leben halt nichts geschenkt. Auch nicht meinen Firmenlaptop.

Wenn er mit dem Buch fertig ist – es wird ca. 2 Monate dauern, wenn er (wir) dran bleiben – bekommt er sein Internet-Kabel wieder und kann wieder chatten und online ‚zocken‘. So hat er erstens ein wirklich großes und schwieriges Ziel erreicht, das weit über die lauen Hauptschul-Anforderungen hinausgeht. Zweitens findet er vielleicht tatsächlich Spaß am Programmieren und hat ein neues Hobby. Drittens wird er zum ersten Mal erleben, dass man sich selbst etwas beibringen kann – dass man ein selbst gestecktes Ziel mit zäher Ausdauer erreichen kann. Könnte eine Lektion fürs Leben sein. Viertens: wenn er – trotz meiner Unterstützung – scheitert, weiß er, dass Programmieren und Ähnliches beruflich doch nicht in seiner Richtung sind und orientiert sich eher in eine handwerklichere Richtung, sowas wie Installateur oder Malerhandwerk.

Nun heißt es konsequent sein und hart bleiben. Das wird nicht einfach in den nächsten Wochen/Monaten, glaube ich.

Morgen kommt er aus Berlin zurück. Das Internet-Kabel habe ich bereits abgebaut (durch 2 Wände).

Wenn ich nochmal ganz von vorne anfangen könnte, würde ich mit Mann (!) und Kind nach Österreich ziehen und die ersten vier bis fünf  Schuljahre meine Kinder selbst unterrichten (Home Schooling). Vielleicht ist das ein wenig größenwahnsinnig. Aber die Lust am Lernen ging bei meinem Sohn definitiv während der Grundschulzeit verloren. Sich ein Ziel zu stecken, zäh dafür arbeiten und das Ziel erreichen – das hat er glaube ich noch nie so richtig erlebt. Und das ist in meinen Augen das, worum es in der Schule wirklich geht.

Über Home Schooling ein anderes Mal mehr. Eine Schande, dass das in Deutschland verboten ist. Der Staat weiß bei  uns ja besser Bescheid, was für unsere Kinder gut ist – nicht die Eltern. Das Verbot des Hausunterrichts geht übrigens auf das Dritte Reich zurück, 1938 wurde das Reichsschulpflichtgesetz erlassen.

„The only time my education was interrupted was when I was in school.“ George Bernard Shaw

Bildung und Jugendgewalt

17. März 2009

Der Besuch eines Gymnasiums verringert für Jugendliche aller Nationalitäten das Risiko der Täterschaft; Bildung schützt also vor Konflikten mit dem Gesetz.

(Zitat aus dem FAZ Artikel: Jugendgewalt rückläufig vom 17.03.2009)

Falsch! Nicht die Bildung schützt vor Konflikten mit dem Gesetz! Und nicht der Besuch des Gymnasiums!

Schützt Bildung vor Kriminalität? (Foto©Philippe Minisini/Fotolia.com)

Schützt Bildung vor Kriminalität? (Foto©Philippe Minisini/Fotolia.com)

Sondern die Tatsache, dass auf das Gymnasium prozentual mehr Kinder aus bildungsbürgerlichen Vater-Mutter-Kind(er)-Familien gehen als auf die Real- und v.a. Hauptschule und weniger Kinder von Alleinerziehenden, Migrantenfamilien, Familien mit Alkohol-, Drogen-, Gewalt-, Vernachlässigungsproblemen. Vor allem tradiert dieses Bildungsbürgertum, deren Kinder am Gymnasien überproportional präsentiert sind, einen bestimmten Wertekanon innerhalb der Familie:

  • positives Arbeitsethos
  • Ehrgeiz
  • innerfamiliärer zivilisierter sozialer Umgang miteinander
  • Begeisterungsfähigkeit
  • strukturierter Tagesablauf
  • Wissensdurst
  • Interesse an Kultur
  • kontrollierter, mäßiger Medienkonsum (Fernseher, PC)
  • Verlässlichkeit
  • gewaltfreie Konfliktösungsstrategien
  • kulturelle Übereinstimmung von Elternhaus und schulischem Umfeld
  • positives Verhältnis zu Leistung
  • Basistugenden wie Pünktlichkeit, Ordentlichkeit
  • etc.

Diese Werte, und nicht die Bildung, schützen davor kriminell/gewalttätig zu werden. Die Bildung ist nur ein weiteres Resultat dieser Werte.

Meine Erfahrung mit der Hauptschule ist:

Sobald mein Sohn auf der Hauptschule war, begann ein Teufelskreis. Denn nun war die Schule ein Umfeld, aus dem Kinder mit ‚gutem’ sozialem Hintergrund bereits ausgefiltert waren! Auf der Hauptschule sind Kinder mehrheitlich aus kaputten Familien oder von Alleinerziehenden, aus Migrantenfamilien (kulturelle Konflikte), aus chaotischen Elternhäusern (Gewalt, Alkohol, Drogen, Vernachlässigung, Desinteresse).
Die Schule ist aber der Dreh- und Angelpunkt der Kinder. Dort suchen sie sich ihre Freunde!

Das Ganze ist eine sich selbst verstärkende, negative Spirale nach unten. Schlechte Werte sind normal und die Kinder leben sich diese gegenseitig vor.

Die Hauptschule ist in meinen Augen schon lange keine Schule mehr für intellektuell weniger Begabte, sondern eine Schule für den sozialen Bodensatz der Gesellschaft. Die Kinder dieses Bodensatzes sind so leistungsschwach, weil ihnen Basistugenden fehlen, weil sie falsche Vorbilder haben: weil sie durch ihren familiären und/oder kulturellen Hintergrund so belastet sind, dass sie keine innere Ruhe und nicht die innere Spannkraft haben, für die Schule zu arbeiten. Deshalb sind sie leistungsschwach und teilen sich die Schulbank mit intellektuell tatsächlich weniger Begabten. Und langweilen sich – was alles noch schlimmer macht.

Leute, die denken „Bildung schützt vor Konflikten mit dem Gesetz“ ignorieren all diese Wahrheiten aber, weil diese Wahrheiten politisch nicht korrekt sind.
Sie widersprechen dem linken Wunschdenken, dass, würden alle Menschen finanziell gleichgestellt sein, auch alle Kinder die gleiche Leistung bringen könnten. Sie widersprechen dem feministischen Denken, dass es ganz unerheblich sei, ob Kinder mit oder ohne Vater aufwachsen. Sie widersprechen auch einem Laissez-Faire-Denken à la Rousseau, das die menschliche Natur im instinktgeleiteten Urzustand als ‚unschuldig gut’ begreift und die komplizierten, erdrückenden Regeln und Einschränkungen, die wir unseren Kindern durch die Erziehung aufdrücken, als antiquierte Moralvorstellungen, welche den Menschen nur an seiner Selbstentfaltung hindern, verstehen.

Der neue Mensch und die Tintenpatronen

14. März 2009
Die Tintenpatrone - Gefahr oder Segen?

Die Tintenpatrone - Gefahr oder Segen? (Bild©Falco/Fotolia.com)

In der siebten Klasse Hauptschule meines Sohnes war Fr. M. Klassenlehrerin. Frau M. war jung, sehr nett, sehr engagiert, mit feurigem Herzen bei der Sache, sehr bemüht um jeden Schüler.

Eines Tages kam mein Sohn nach Hause und sagte, ich sollte ihm einen Einsatz für seinen Füller kaufen. Dazu ein Tintenfass. Man kann den Füllereinsatz im Tintenfass aufziehen und so befüllen. Statt einer Tintenpatrone steckt man dann den mit Tinte aus dem Tintenfass befüllten Einsatz in den Füller. Die Lehrerin habe allen dringend dazu geraten, das zu kaufen.

Ich wunderte mich ein wenig über diese Anschaffung, denn was für einen Vorteil sollte das bringen? Verbesserte das die Schreibeigenschaft des Füllers? Das Tintefass läuft entweder über kurz oder lang aus, wenn mein Sohn seine Tasche irgendwo in die Ecke pfeffert oder er vergisst es zu Hause. Außerdem hatte ich aus meiner Schulzeit Erfahrungen mit antiken, aufziehbaren Füllern gesammelt, die ich aus einem romantischen Gefühl heraus eine Zeit lang verwendete. Sie liefen immer mal wieder aus und man hatte eine Sauerei im Federmäppchen. Wo ist der Vorteil?

Als brave Mama kaufte ich ihm aber den Einsatz und ein Tintenfass.

„Was für einen Vorteil soll denn dieser Einsatz haben?“ fragte ich meinen Sohn, als er den Einsatz in seinen Füller einbaute.

„Das ist, damit man nicht immer die Plastik-Tintenpatronenhülsen wegwerfen muss“, klärte mich mein Sohn auf.
„Wegen der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel, hat Frau M. gesagt“.

Fr. M. sorgte sich um eine korrekte Umwelterziehung und kämpfte mittels Einsparung von Tintenpatronen gegen den Klimawandel? Während ein großer Teil der Jungs und Mädels aus der Hauptschul-Klasse vorrangig folgende grundsätzliche Probleme haben:

  • fehlende Basistugenden wie Pünktlichkeit, Ordnungssinn
  • mangelnde Motivation
  • unausgeglichenes Gefühlsleben
  • schwierige Elternhäuser (Scheidungen, Alleinerziehende, Unternehmerfamilien ohne Zeit)
  • mangelnde Selbstdisziplin
  • mangelndes Durchhaltevermögen
  • kurze Aufmerksamkeitsspanne
  • Respektlosigkeit

Bei diesen tiefgreifenden Problemen sind Plastiktintenpatronenhülsen ganz sicher ein Menschheitsproblem, dessen Bedeutung auf der Dringlichkeitsskala auf Platz Nr. 388 367 451 128 liegt. Angesichts dieser Probleme ist der Ersatz der praktischen Tintenpatronen durch einen aufziehbaren Einsatz mit Tintenfass sogar kontraproduktiv.

Denn: Wie sollen die Kinder Ordnungssinn lernen, wenn sie dazu angehalten werden, sich mit solch einem Unfug aufzuhalten? Wie sollen sie lernen, Prioritäten zu setzen um sich selbst zu helfen und ihre eigenen Probleme zu lösen?

Klasse 7a lernte bei Fr. M. auch, dass die Welt durch CO2 Verschmutzung bald untergehen würde, indem sie den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore vorführte, der meinen Sohn schwer beeindruckte. Ich zeigte meinem Sohn anschließend den Film „The Great Global Warming Swindle“ mit deutschen Untertiteln. Seither sieht er die Sache wieder recht entspannt.

Hotel Mama

10. März 2009

Gestern:

Mein Sohn (in gnädig-versöhnlichem Ton):

Mama, wenn Du dann nicht nervst, dann bleibe ich auch noch bei Dir wohnen, wenn ich eine Ausbildung mache.

Ich:

Wenn Du dann nicht nervst, und nur unter dieser Voraussetzung, dann darfst Du auch noch bei mir wohnen, wenn  Du eine Ausbildung machst.

😀

Vererbte Werte – vererbte Armut

8. März 2009

Im Mietshaus schräg gegenüber von mir wohnt eine Familie. Vater, Mutter, zwei arbeitslose, erwachsene Söhne. Deren Oma, die schlecht gehen kann, wohnt ein paar Straßen weiter oben am Berg. Der eine Sohn ist ein sehr gutmütiger, ordentlicher, freundlicher junger Mann, ich glaube, er ist geistig leicht eingeschränkt. Der andere Sohn blickt immer finster drein, fährt mit laut wummernden Bassboxen im Auto durch die Gegend und hat regelmäßig Besuch von einem übergewichtigen, glatzköpfigen Neonazi.

Von dieser Familie will ich heute erzählen. Um zu veranschaulichen, was Armut eigentlich ist, und wie Armut weitervererbt wird.

Der Vater arbeitet, aber ich vermute, er verdient nicht viel, denn in der Straße, in der ich wohne, wohnen nur Leute, die nicht viel Miete zahlen weil sie sich irgendwo im unteren Drittel der sozialen Skala befinden (Unterschicht). Immerhin hat diese Familie ein Auto.

Bis vor kurzem hatte ich auch noch ein Auto. Ab und zu kam es vor, dass die Mutter dieser Familie zu mir rüber kam und mich fragte, ob ich nicht die Oma nach Hause fahren könnte. Der Vater war mit dem Auto in der Arbeit und ich machte das gerne. Die Oma war wirklich gehschwach und auch sonst gesundheitlich stark angeschlagen. Nachbarschaftshilfe!

Dann habe ich mein Auto verkauft. Da passierte es zum ersten Mal, dass ich mich wunderte. Wieder kam die Mutter rüber und fragte, ob ich für sie Auto fahren könnte. Gerne – aber ich hätte leider kein Auto mehr, informierte ich die Mutter. Oh, das habe sie gesehen, aber ich könne ihr eigenes Familien-Auto verwenden – ihr Mann sei nicht da, und sie selbst habe ja kein Führerschein und ihr Sohn (der brave, gutmütige), der auch mitfahren sollte, auch nicht. Kein Problem, sagte ich, ich bin in 5 Minuten am Auto. Dort erwartete mich aber nicht die gehbehinderte Oma – sondern die Mutter mir ihrem Sohn. Fährt die Oma diesmal gar nicht mit? fragte ich. Nein, die wäre zu Hause. Zum Frisör sollte ich die beiden fahren.

Zum Frisör? Der Frisör war ca. 10 Gehminuten entfernt.

Ohne Oma? Hatte die Mutter sich verletzt und konnte nicht richtig laufen? War dem Sohn etwas am Fuß zugestoßen?

Beide wirkten fit und gesund. Ich sagte nichts, fuhr die beiden mit deren Auto dort hin, fuhr alleine zurück, warf den Schlüssel wie verabredet in deren Briefkasten und nahm an, dass sich wohl eine der beiden Personen tatsächlich verletzt haben musste, obwohl man das auf den ersten Eindruck hin nicht bemerkte.
Vielleicht eine Sehnenzerrung, Probleme am Miniskus oder sowas.

Auf die Idee, sich von der Nachbarin um die Ecke zum Frisör chauffieren zu lassen, würde doch sonst kein Mensch kommen.
Oder?

Doch.
Zwei Wochen später kam an einem Samstag die Mutter wieder zu mir rüber. Ob ich noch mal so nett sein könnte und für die Familie Autofahren könnte? Der Vater war wieder nicht da … ginge es jetzt gleich?

Ich unterbrach meine Arbeit und ging hilfsbereit zum Auto. Wieder: keine Oma, nur Mutter mit Sohn. Kommt die Oma noch? fragte ich. Nein, antwortete der Sohn, diesmal geht es zum Edeka Einkaufszentrum.

Das Edeka Einkaufszentrum liegt ca. 15 Gehminuten entfernt. Seit ich kein Auto mehr habe, kaufe ich dort regelmäßig mit einem kleinen Einkaufstrolli ein.

Können Sie auch schlecht laufen wie Ihre Mutter – ist etwas passiert? Hatten Sie einen Unfall, sind sie krank?  fragte ich besorgt. Nein nein, sagte die Mutter, es ist nur: mein Mann fährt normalerweise samstags, aber der kann heute nicht, deshalb. Und könnten Sie uns dann auch wieder dort abholen?

Ich soll Sie beide mir Ihrem Auto zum Edeka fahren, dann dort warten bis Sie ihren Einkauf getätigt habe und Sie dann wieder nach Hause fahren?

Ja, antworteten mir beide und die Mutter fügte an: Aber sie müssen ja dort nicht warten, sei können ja zwischendrin nach Hause fahren und in einer halben Stunde kommen sie wieder, länger brauchen wir ja nicht.

Nun wurde mir klar, dass es höchste Zeit war, hier eine Grenze meiner Hilfsbereitschaft zu ziehen.
Ich erklärte, dass ich jederzeit bereit bin, gehkranke Menschen umherzufahren. Allerdings müsse sich eine Familie, die ein Auto hat und zwei junge, gesunde, kräftige Söhne, selbst so organisieren, dass es nicht nötig sei, mich, die kein Auto hat und noch dazu ihre Arbeit unterbrechen muss, als Chauffeur zu benötigen.

Ach es tut mir ja so leid, sagte die Mutter. Mein anderer Sohn, der hat ja einen Führerschein. Aber der ist ja so bös. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie der mich manchmal behandelt. Er wollte uns ja heute Einkaufen fahren. Aber er schläft noch. Ich konnt ihn nicht wecken. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie bös der manchmal ist. Was der zu mir sagt. Wenn ich ihn wecke, dann ist die Hölle los.

Das ist Armut. Armut ist, wenn eine gesunde, relativ junge Mutter mit ihrem ca. 20 Jahre alten gesunden Sohn selbstverständlich davon ausgeht, dass sie die Hilfe einer Nachbarin in Anspruch nehmen muss, um im 15 Gehminuten entfernten Einkaufscenter den Wochenendeinkauf zu erledigen, während der Vater unterwegs ist und der andere Sohn noch schläft. Vererbte Armut ist, wenn nicht einmal der Sohn auf die Idee kommt, dass diese Aufgabe auch ohne Fremdhilfe anders organisiert und bewältigt werden kann. Vererbte Armut ist, wenn der andere Sohn um zwei Uhr nachmittags noch schläft und seine Mutter mindestens verbal bedroht, wenn sie seine Hilfe benötigt.

Armut ist etwas Geistiges. Armut ist das Resultat von Werten, Prioritäten, Lebensentwürfen, von der in der Familie gelebten Kultur (falls überhaupt eine „Familie“ vorhanden ist).

Das konfiszierte T-Shirt

7. März 2009

So sieht das T-Shirt aus, das mein Sohn von einer Verwandten geschenkt bekommen hatte, und das ich aus dem Verkehr gezogen habe:

Das konfiszierte T-Shirt

Das konfiszierte T-Shirt

Mein Sohn bekam dafür ein Neues. Ich habe ihm gesagt: die Mädchen auf dem T-Shirt sehen aus wie Huren.

Die Mädchen sehen aus wie Huren

Die Mädchen sehen aus wie Huren

Ich habe ihm gesagt, Mädchen machen oft früh Sex mit Jungen, weil sie Jungen gefallen wollen, nicht , weil sie das selbst so gerne möchten. Mädchen ziehen sich oft so aufreizend an, weil sie merken, dass die Jungen das toll finden, aber sie wissen nicht, dass die Jungen es deshalb toll finden, weil es sexuell aufreizend ist. Die Mädchen verstehen nicht, welche Knöpfe sie bei den Jungs drücken, wenn sie mir kurzer Hose und bauchfreiem Top in die Schule gehen. Aber sie finden es toll, wenn sie dann von den Jungen umworben werden.

Noch vor zwei Jahren waren die Zimmerwände meines Sohnes voller Bravo-Poster von Rappern wie 50 Cent, Bushido und fast-pornographischen Bildern von fast nackten weiblichen Popstars. Zum Beispiel dieses Bravo-Poster:

Die BRAVO Welt

Die BRAVO Welt

Ich habe die vor zwei Jahren alle abgehängt und solche Bilder bei uns verboten. Bravo & Co gibt es bei uns seither nicht mehr. Ich habe nach alternativen Magazinen gesucht, aber es gibt eigentlich nichts. Die christlichen Magazine sind gut, aber so deutlich auf bekennende christliche Jugendlichen zugeschnitten, dass sie für meinen Sohn, der sich nicht einmal konfirmieren ließ (trotz meinen Überredungsversuchen) nicht wirklich lesbar sind. Ich habe es mit einem englischsprachigen Magazin für Jungen probiert, das ist hervorragend gemacht, aber leider ist es sprachlich zu schwer.

Ich habe angefangen, mich bei meinem Sohn regelmäßig über die Rap-Liedertexte zu beschweren. Deutschen Rap schaltet er in meiner Gegenwart aus. Ich glaube, er hat dadurch erst ein Bewusstsein von der Art der Texte bekommen, und wie negativ die sind (er hört sie trotzdem gerne).

Auf was ich hinaus will ist:

Ich habe in den letzten Jahren verstanden, dass man entweder sein Kind erzieht – dann braucht man auch die Zeit und Muße dazu. Oder man lässt es bleiben – dann hat man mehr Zeit für andere Sachen im Leben, z.B. für seine Karriere.

Ich glaube, ich habe meinen Sohn lange Zeit nicht wirklich erzogen. Natürlich, Benimmregeln am Tisch, das Zimmer aufräumen, den Nachbarsjungen nicht verhauen. Das schon. Aber alles was darüber hinaus geht: da habe ich mich voll auf Schule, Bücher, Freunde, Lehrer, Hort, Erzieher im Hort usw. verlassen … habe da nicht so genau hingeschaut – konnte gar nicht so genau hinschauen, weil ich ja meist in der Firma und nicht zu Hause war.

Am Wochenende habe ich die Wäsche gewaschen, die Wohnung sauber gemacht, eingekauft, Sonntags ausgeschlafen. Manchmal etwas mit meinem Sohn unternommen, aber oft war er bei seiner Oma.

Die innere Welt meines Sohnes war mir eigentlich ziemlich unbekannt. Als alles immer schwieriger wurde habe ich angefangen, intensiv darüber nachzudenken, woran das wohl liegen mag. Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass der Teufel hier weniger im Detail, als im gesamten Arrangement „Alleinerziehend“ lag.

Und dass die moderne Parole:

„Entscheidend ist die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit für die Eltern-Kind-Beziehung, nicht die Quantität“

nicht stimmt.

Weil: es braucht Zeit, um sich mit der Welt eines Kindes oder eines Jugendlichen auseinanderzusetzen. Es braucht Zeit, um sich eine Meinung über die Inhalte aus Fernsehen, Zeitschriften, dem Internet zu bilden und entsprechend zu reagieren: zu lenken, bewusst zu machen, zu besprechen, zu verbieten, Alternativen zu suchen usw. Es braucht Zeit, um ein materiell gutes Zuhause zu bieten und ein geistig gutes Zuhause. Es braucht Zeit, um auch einfach mal nur da zu sein, anwesend zu sein. Es braucht Zeit, um die Freunde zu beobachten und über sie nachzudenken. Es braucht Zeit, um sich eine so feste Meinung zu bilden, dass man dann auch darüber reden kann. Es braucht Zeit, um zu streiten und Grenzen zu setzen und den Widerstand auszuhalten, es braucht auch Zeit, um sich davon wieder erholen zu können. Es braucht Zeit, zu erinnern, zu mahnen, nachzufragen, interessiert zu sein, oder abends gemeinsam ein Kartenspiel zu spielen.

Und wenn man mit so einem grundfalschen feministischen Weltbild wie ich aufgewachsen ist, braucht man viel Zeit um zu entdecken, dass das Weltbild grundfalsch ist, und dass Jungs ganz anders sind als Mädchen, und dass Jungs ganz dringend Väter brauchen, und man braucht auch Zeit um den Schmerz des Irrtums zu verarbeiten und die Schuldgefühle, dass man einer dummen Ideologie aufgesessen war und deshalb Fehler gemacht hat und dass das eigene Kind, das man so liebt, die Fehler bezahlt.

Erziehen braucht Zeit und es ist eine Horrorvorstellung, wenn wir die Erziehung dem Staat überlassen wollen und sollen. Ich halte Fr. von der Leyens Familienpolitik mit dem Ausbau der Kinderkrippen für eine nationale Katastrophe. Sie meint es gut, aber sie lenkt damit die Familien in die völlig falsche Richtung.

Einheitserziehung im Karateverein

Einheitserziehung im Karateverein