Beobachtungen im Zug

Ich habe meine selbstständige Tätigkeit aufgegeben und arbeite wieder als Angestellte.

Dazu nehme ich jeden Morgen um 06:55 den Zug zur nächsten Großstadt.

Den größten Anteil der zahlreichen Fahrgäste diese Zuges sind Jugendliche im Alter von ca. 13 bis 18, die zur Schule oder Ausbildungsstelle fahren.

Was mir auffällt:

Selbst bei Schnee- oder Regenwetter: viele Jugendliche stützen ihre Beine ab, indem sie ihre Schuhsolen auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz (auf dem stoffbezogenen Polster) abstellen.

Taschen, Ordner, Sportbeutel werden grundsätzlich  auf die freien Sitzplätze verteilt. Selbst bei gut besetztem Zug werden diese Plätze nur nach Aufforderung freigeräumt („Ist da noch frei?“ Oder „Kann ich mich da bitte hinsetzen?“)  Meist ohne Antwort und mit genervter Mimik.

Und es gilt das Prinzip: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Alten Leuten wird nicht freiwillig ein Platz angeboten. Wenn diese nicht selbst aktiv werden und darum bitten, dass man ihnen einen Platz freimacht, müssen sie stehen bleiben.

Woher kommt das? Ich glaube nicht, dass unsere Jugendlichen grundsätzlich ‚schlechter’ sind als früher. Aber: sie sind weniger erzogen.

Und woher kommt das?

Ganz einfach: weil die Eltern keine Zeit haben, ihre Kinder zu erziehen. Alleinerziehende Mütter schon gar nicht.  

Ganztags im Kindergarten (© Pavel Losevsky - Fotolia.com)

Und in 10 bis 25 Kinder großen Ganztags-Kindergarten-(Schul-, Hort-)gruppen erwerben die Kinder untereinander Sozialkompetenz, aber wie man sich in einer zivilisierten Gesellschaft bewegt, die nicht nur aus homogenen Kindergarten-, Ganztagsschulen- oder Hortgruppen besteht, lernen sie nicht.

komplexe Gesellschaft, komplexe Welt

Nachtrag vom 19. Juli 2010:

heute bin ich mit einer weißen Hose bekleidet mit dem Zug in die Arbeit gefahren. Ich setzte mich auf einen freien Platz. Ich habe mehr als 1 Std Fahrtzeit vom Wohnort zur Arbeit (Zug, Bus). Als ich aufstand, war meine Hose hinten nass. Ich hatte beim Hinsetzen nicht bemerkt, dass der Sitz nass war. Eklige Angelegenheit. In was hatte ich mich da gesetzt? Auf der Toilette in der Arbeit um kurz nach 8 Uhr früh habe ich dann gesehen, dass es wohl Kaffee gewesen sein musste. Hinten auf der weißen Hose!! Ich hatte die Wahl, entweder noch einmal nach Hause zu fahren um die Hose zu wechseln (Zeitverlust mindestens 3 Stunden), oder vom Industriegebiet mit dem Bus in die Stadt zu fahren und mir eine neue Hose zu kaufen (Zeitverlust mindestens 2 Stunden). Ich entschied mich für Letzteres. Irgendso ein rücksichtsloser Fahrgast hat seinen Kaffee mit in den Zug genommen, auf dem Sitz muss der Kaffeebecher umgekippt sein (denn meine Hose war ziemlich nass und der Fleck war sehr großflächig). Anstatt einen Zettel „Vorsicht nass“ auf den Sitz zu legen, lässt es dieser Fahrgast einfach zu, dass sich eine andere Person in seinen Kaffee hineinsetzt. Gute Nacht.

13 Antworten to “Beobachtungen im Zug”

  1. Schülerunion fordert: Mehr Polizei an deutsche Schulen! « Der Meinungssöldner Says:

    […] passend dieser Artikel im […]

  2. Emmerich Knallmann Says:

    Ein Kindergarten ist eigentlich nur ein die Psyche des Kindes zersetzender Saustall. In Wahrheit werden Kids nämlich dort „abgestellt“ – sonst nix. Das ist bequem aber „normal“ – daher werde ich sicher als Spinner betrachtet.

    Ich habe als Kind jedoch genau gemerkt dass es wahr ist was ich hier schreibe – man wird dort nur verwaltet, was sich „Betreuung“ nennt.

    Das verblödet die Kids.

  3. Martha Says:

    Ich komme aus einer Großstadt und dort finde ich es erschreckend zu sehen, dass immer nur Jugendliche freiwillig!!! aufstehen, um Älteren einen Platz frei zu machen. Den 30ern oder 40ern ist das vollkommen egal. Sie schauen die älteren Personen immer nur mit großen Augen an. Aber auf die Idee, aufzustehen kommt auch dort niemand. Also kann das ja wohl nicht nur an den schlecht erzogenen Jugendlichen heutzutage liegen. Demnach müssten in meiner Stadt nämlich alle unerzogen sein, denn wenn kein Jugendlicher aufsteht, hat die alte Frau eben Pech gehabt. Demnach ist es ein Problem in der gesamten Gesellschaft und somit auch ein Problem, welches nicht unbekannt ist: Anonymität. Keiner liebt den nächsten. Und eine Solidarität kann sich daraus aus nicht entwickeln. Und das in allen Altergruppen!

  4. Hubert K. Says:

    In öffentlichen Verkehrsmitteln kann man schon was erleben. Das mit den Taschen auf den Sitzen kenn ich nur zu gut, da wird man dann tatächlich böse angeschaut, wenn man es sich erlaubt, nach dem Sitzplatz zu fragen. Ich verzichte sowieso weitgehend darauf, mit den Öffentlichen zu fahren, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.
    Übrigens, was ist eigentlich mit diesem Blog los? Wird er gar nicht mehr aktualisiert? Wäre schade…

  5. peppe Says:

    Ja, ich denke, das kann jeder nachvollziehen. Trotzdem gut, wenn es jemand mal deutlich sagt. Je mehr Leute sich wehren, desto besser. In unserem eigenen Interesse!

  6. Nine Says:

    Vor einigen Wochen war ich auch noch berufstätig und kenne das Leid von Bus und Bahn fahren. Ich kann alles nur mit einem nicken hier bestätigen. Ich bin selbst allein erziehend und hoffe, dass ich mal die Zeit finde werden, meiner Tochter sowas nicht anzuerziehen.

  7. alleinerziehende Says:

    Letztens entfernte sich morgens eine junge Mitreisende im Zug den Nagellack. Das ganze Abteil stank scharf nach Aceton. Ich beschwerte mich bei ihr. Sie ignorierte das. Ich wechselte das Abteil.

    Mein Sohn ist 18 und hat seinen Führerschein gemacht.
    Ich habe uns ein Auto gekauft. Damit fahre ich jetzt täglich zur Arbeit, 45 km einfach. Unglaublich entstressend.

    Das Auto ist ein Stück individuelle Freiheit. Keine Bahn AG schreibt mir vor wann und wie ich reisen soll.

  8. El Gordo Says:

    Verstehe ich gut. Ich bekomme immer viel Mitgefühl, weil ich 80 km einfach zur Arbeit fahren muss (fast alles Autobahn), aber öffentliche Verkehrsmittel sind viel stressiger. Und auch nicht wirklich billiger.

  9. Aristofanes Says:

    also, ich hab jetzt einiges hier gelesen, du siehst die kids mit ihren schuhen auf den sitzen und fährst dennoch mit ner weissen hose mit dem Zug – tja selbst schuld kann ich nur sagen.

    der rest ist gequirlter unsinn – meine tochter lebte seit ihrem 8. Lebensjahr fast ausschließlich bei mir – selten bei ihrer Mutter – Ergebnis: Abitur und Ausbildungsstelle

  10. Der Sohn Says:

    Ich habe mir weder die Kommentare noch den Eintrag vollständig durchgelesen aber ich glaube nicht dass das Verhalten der Jugendlichen mit der Alleinerziehung zu tun hat. Vielleicht ein wenig. Ich glaube es liegt einfach daran das Eltern weniger Zeit haben als früher als die Frau noch zu Hause war. Das Kind war sehr viel mehr zu Hause und hat sich in das Familienleben mit eingebracht.
    Mein Tipp an Eltern:
    Lasst euer Kind, vor allem nicht wenn es noch „klein“ ist zwischen 6 und 13-14 andauernd raus. Ist ein Kind 6 Std am Tag draußen scheint das ja ganz schön zu klingen aber diese Kinder erziehen sich gegenseitig – da ist es egal was die Eltern sagen. Und das kann und wird in den meisten Fällen wohl nicht gut enden. Ist ja auch ganz klar… Das Kind geht frühs zur Schule, sieht die Eltern wenn’s hoch kommt eine Stunde. In der Stunde ist Erziehung nicht drin. Dann kommt es nach Hause und geht raus mit Freunden und kommt zwischen 5 und 7 wieder nach Hause. Dann hat man wieder nur 2 Stunden für Erziehung zeit welche sich aber auch durch Hausaufgaben machen, Fernsehen oder sonstiges verringert. Ist eigentlich ne ganz leichte Rechenaufgabe. Ein Großteil werden die Freunde gegenseitig für Erziehung sorgen.

  11. MamaEN Says:

    Wow!!!
    Mal vorab – ich bin alleinerziehend, und frage mich, wo diese Gehäßigkeit bei Dir herkommt??!! Es ist doch nicht so, dass ich oder die Millionen anderen alleinerziehenden Eltern das so eingeplant hätten, oder es sich sogar wünschen! Und wie kommst Du darauf, dass die Sauereien nur von den Kindern der Alleinerziehenden gemacht werden??? Natürlich wünschen wir uns doch alle eine intakte Familie und Zeit mit unseren Kindern, aber wir können uns dem immer schnelllebigeren und stärkerwerdenden äußeren Einflüsse der Gesellschaft (Medien, Kommunikation, Konsum etc) auf unsere Kinder nicht entziehen, das ist der Zeitgeist der Gesellschaft. Frage – warum hast DU es nicht besser gemacht? Anscheinend hast Du ja die Lösung… leider auch zu viel Bitterkeit wie mir scheint 😦 Was die Schuhe auf dem Sitz angeht – früher hätten die Erwachsenen in der Bahn den Halbstarken was gepfiffen, und nicht einen nutzlosen Blog eingerichtet! Last but not least, für viele Eltern wäre die einzige Alternative, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen HARTZ IV – (wer zahlt die Miete???!)
    ob das wohl eine bessere Welt/Kinder macht??????!!!

  12. Astrid Says:

    Ich muss mich den letzten Kommentatoren anschließen. Es hat keineswegs mit Single-Muttersein zu tun. Vielmehr ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem, in dem auch soziale Kontrollmechanismen nicht mehr sehr stark vorhanden sind. Und ich vermute, dass auch bestimmte Schichten besonders davon betroffen sind, da spielt v.a. die Bildung eine große Rolle.
    LG, Astrid

  13. alleinerziehende Says:

    @MamaEN
    erstmal ganz ruhig durchatmen und dann meinen Blog noch mal in Ruhe durchlesen. LG

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