Die „männliche Bezugsperson“

Immer wieder heißt es, Kinder bräuchten zwar nicht unbedingt einen Vater, aber eine „männliche Bezugsperson“ sollten Kinder idealerweise haben. Das kann ein guter Freund, ein Onkel, ein Pfarrer, ein Lehrer oder ein Fußballtrainer sein.

Mit diesem Argument lässt sich wunderbar argumentieren, dass Väter eigentlich entbehrlich und ersetzbar sind – woran vor allem Alleinerziehende und Lesben-Paare mit Kindern Interesse haben, damit ihr Lebensmodell akzeptiert und gefördert wird. Und damit sie fühlen, dass sie das Richtige tun. Ohne Vater.

Sind Väter ersetzbar? (Bild © vision images - Fotolia.com)

Sind Väter ersetzbar? (Bild © vision images – Fotolia.com)

So schön die Theorie klingt – in der Praxis klappt das meistens nicht!

Denn: Bis ein Kind richtig erwachsen ist, braucht es ca. 20 Jahre. 20 Jahre sind eine lange Zeit! In 20 Jahren verändern sich die Menschen, mit welchen wir zu tun haben. Sie wechseln den Wohnort, ändern ihre Interessen, suchen sich andere Freunde, machen Karriere, heiraten, bekommen selbst Kinder, wandern aus, bekommen Depressionen, schließen sich obskuren religiösen Gruppen an, werden kriminell usw.

Ich bin mitten im Studium, mit 23 Jahren, schwanger geworden. Eine Sensation! Ich war die erste von meinen Freunden und in meiner Familie (1 Schwester, 2 Cousinen). Alle waren sehr interessiert. Mein damaliger Liebhaber verließ mich zu meinem großen Schmerz sofort, aber meine sonstigen Freunde, auch die männlichen, waren sehr an meinem Sohn interessiert. Alle waren solidarisch mit mir, alle unterstützten mich.

Es gab mehrere Freunde, die sich sehr für meinen Sohn interessiert haben. Aber das alles ist total unverbindlich, einfach weil das Leben nicht geradlinig verläuft! Und weil junge Leute jung, oberflächlich und naiv sind (auch wenn sie sich für tiefsinnig und weise halten!) Den Großteil des damaligen Interesses an meinem Sohn, dem unehelichen Kind ohne Vater, und mir, der versehentlich schwanger Gewordenen, würde ich heute als ‚romantisch verklärt’ bezeichnen. Diese Freunde studierten weiter, ich hingegen interessierte mich immer mehr für Windeln und Spielplätze – der Kontakt flachte bald ab und kam nach ca. 2-3 Jahren ganz zum Erliegen.

Mein damals bester Freund, der sich in den ersten Jahren regelmäßig um meinen Sohn kümmerte, zog nach wenigen Jahren studienbedingt weit weg, lernte eine Frau kennen, zog mit ihr zusammen, wir verkrachten uns aus geschäftlichen Gründen, er wurde irgendwann depressiv – wir haben zwar noch Kontakt und sind befreundet, aber von Bezugsperson zu meinem Sohn kann überhaupt keine Rede mehr sein! Auch andere Freunde sind mit meinem Sohn mal Drachensteigen gegangen u.ä., aber das ist überhaupt kein Vaterersatz!

Solange ein Kind noch klein und süß ist, und die Mama jung und attraktiv, ist es nicht schwer, ‚männliche Bezugspersonen’ für sein Kind zu finden. No problem! Aber was, wenn das Kind sich zu einem jugendlichen Rebellen entwickelt, der Hip Hop statt Beethoven hört, sich einen Dreck für die Interessen der ‚männlichen Bezugsperson’ interessiert, frech ist und die männlichen Bezugsperson feststellt, dass es mit der Latein-Nachhilfe wohl doch nichts wird, weil sein Schützling faul auf der Hauptschule herumlümmelt?

Wer, außer ein Vater, kann sowas durchstehen? Wer, außer ein Vater, bringt die Kraft auf, solche Jahre in unendlicher Geduld, stundenlangen Diskussionen, immer neuen Anläufen zu seinem Kind durchzustehen?

Wer steht sowas wirklich durch?

Wer steht sowas wirklich durch? (Bild©GalinaBarskaya-Fotolia.com)

Wenn es wirklich hart auf hart kommt: ist die männliche Bezugsperson in aller Regel längst über alle Berge und frau steht alleine mit ihrem rebellierenden Teenager da!

Wenn es wirklich hart auf hart kommt: brauchen Kind und Mama einen Vater! Und damit es gar nicht erst wirklich hart auf hart kommt, braucht ein Kind erst recht einen Vater!

Disclaimer: nein, ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass Väter auch versagen können. Ich weiß, dass es Einzelfälle gibt, in welchen es toll funktioniert hat mit der männlichen Bezugsperson. Ich rede hier von Wahrscheinlichkeiten, von der großen Linie, sozusagen von Gesetzmäßigkeiten des Lebens, von denen es natürlich Abweichungen gibt.

9 Antworten to “Die „männliche Bezugsperson“”

  1. Ruth Says:

    Die Frage, die sich mir aufdrängt: Wie muss der Vater beschaffen sein, der das durchsteht? Wie muss die Ehe sein, die das durchsteht?Ist der Feminismus nur weibliche Hybris (sicher auch das) oder satanischer Angriff auf höhere Ordnung (sicher auch das) oder ist er auch auf so viel negativen Erfahrungen mit Männern und Vätern gewachsen? Fest steht ja, jedes Kind hat einen Vater (gehabt); viele Väter verschwinden äußerlich oder innerlich aus vielerlei Gründen; viele werden auch aus ihrer Position gedrängt.
    Der allererste Fehler liegt also beim „Auswahlverfahren“ – oder auch beim Angebot 😉
    Ansonsten sehr einleuchtend, dass das mit den männlichen „Bezugspersonen“ nicht funktionieren kann, allerhöchstens vielleicht innerhalb der Verwandtschaft. Ansonsten lässt sich ja wohl eine enge Beziehung zum Kind ohne enge Beziehung zur Mutter schlecht aufrechterhalten.

  2. alleinerziehende Says:

    Hallo Ruth,
    sorry, ich war länger offline (viel zu tun) …

    Ja, die Frage drängt sich definitiv auf. Und alles was Du sagst und fragst, stimmt, finde ich. Die einzige Lösung liegt darin, das beste zu versuchen und – gesellschaftlich – ein (ggf. religiöses) Verständnis von Ehe als einer höheren Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich glaube, ein solcher Leitstern macht es einfacher, ist aber keine Garantie. Garantien für Erfolg und Gelingen im Leben gibt es nicht.

  3. stefanolix Says:

    Es muss doch nicht über 18 Jahre die selbe Bezugsperson sein. Es ist wichtig, dass von mehreren Bezugspersonen vernünftige Impulse kommen.

    Meine Eltern waren für mich spätestens ab 14 überhaupt keine Bezugspersonen (oder nur in der Hinsicht, dass ich mich gleich mit 18 aus bestimmten Verhältnissen befreien wollte). Und aus mir ist trotzdem etwas geworden;-)

    Meine eigene Erfahrung: Ich bin schon mit 22 Vater geworden, auch mitten im Studium. Jetzt, knapp 20 Jahre später, ist die Bilanz natürlich gemischt. Das Kind von damals studiert jetzt im ersten Semester, aber im fehlt noch viel Praxisbezug, den ich im selben Alter schon hatte. Beim zweiten Kind (zweite Klasse) packen wir vieles anders an.

  4. alleinerziehende Says:

    Mir hat mal ein wohl meinender Bekannter gesagt, mit dem Alleinerziehen sieht er eigentlich keine Probleme für die Kids, er habe sich von seiner Frau scheiden lassen, als die Tochter 14 war, und dann hat er sie allein erzogen, das war dann eigentlich kein Problem für die Tochter …

    Da könnte ich … „Kopf Tischkante“, wie mein Sohn zu sagen pflegt …

    stefanolix: Du hast 14 Jahr lang beide Eltern gehabt, dass Du Dich in der Pubertät von ihrem Einflluss distanziert hast ist völlig normal …

    THIS IS NOT ABOUT WHAT I’M TALKING!

  5. alleinerziehende Says:

    Um genauer zu sein, der im letzten Kommentar erwähnte Bekannte ist der Klassenlehrers meines Sohnes, der mir aber ein halbes Jahr später erzählte, dass 50% der Schüler dieser Klasse von Alleinerziehenden großgezogen werden. Worauf ich nicht näher einging, denn ich wusste ja schon, dass er „Alleinerziehen“ für unproblematisch hält.

    Warum dann trotzdem diese Aussage? Warum zählt er nicht eins und eins zusammen?

    Antwort: weil 99,9% aller Alleinerziehenden das als verletzend, oder als Angriff empfinden würden, mit anderen Worten: aus „political correctness“!
    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf!
    Weder darf es ein Problem sein, dass Väter fehlen, noch darf es ein Problem sein, wenn Mütter keine Zeit für Ihre Kinder haben, weil sie arbeiten müssen oder gar wollen! Nicht mehr die Alleinerziehende oder die Mutter ohne Zeit ist heute das Problem, sondern diejenigen, die das Problem benennen! Ich und Eva Herman! Wir sind die Bösen, Intoleranten!

    Verkehrte Welt!

  6. Die Stimme aus dem Off Says:

    Ich denke schon, dass es über 18 bis 20 Jahre dieselbe Bezugsperson sein sollte. Auch wenn die Eltern in der Pubertät vielleicht weniger wichtig werden, das Gefühl der Gegenwärtigkeit des Vaters als Hilfe in der Not ist wichtig.

    Stefanolix, Du hattest das Gefühl wahrscheinlich nur, weil noch jemand da war.

  7. Alrik Says:

    Alleinerziehende haben kein neues Problem.
    Die Abwesenheit eines Vaters ist im Nachkriegsdeutschland nichts ungewöhliches gewesen.

    Ich sehe auch nicht das dieses Problem verschwiegen wird. In der Politik ist der Ausbau der Kinderbetreuung inzwischen akzeptiert, hier kann man eher davon sprechen das die klassische Hausfrauen-Ehe als Problem (für die Freiheit der Frau) gesehen wird.

    Und gesellschaftlich ? Nun ja, eine männliche Bezugsperson kann eigentlich jeder sein.
    Egal ob Lehrer, Ausbilder im Betrieb, Trainer im Sportverein, älterer Kumpel mit dem man CS zockt,…
    Nur Vaterersatz kann man nicht sein, und das sollte man auch nie versuchen.

  8. Dummerjan Says:

    WIe muß die Frau aussehen, die den mann durchsteht, der dem Kind auch mal „kante“ gibt .
    Keine der Mütter kommt damit klar, wenn es bei mir heißt „Du hast gesagt, Dir passen die Regeln nicht, dann spiel bitte woanders.“

    Scheiß männlicher Chauvinismus.

  9. Raphael Says:

    Die Diskussion mag sehr alt, allerdings fühle ich mich ein wenig komisch bei dieser Erzählungen. Ich habe meine Ex-Frau als Mutter eines Zehnjährigen kennengelernt, und die ganze Pubertät durchgestanden. Als wir uns trennten, ist der Junge bei mir eingezogen (war schon 17). Ich sehe mich immer noch, zwei Jahre später, in der Verantwortung diesem Jungen gegenüber. Und ich bin da nicht alleine. Also erzwingt sich die Frage: warum geraten Alleinerziehende oft an komischen Typen, die sich eigentlich nicht wirklich für das Kind interessieren?

    Ich bin mittlerweile Vater zweier Kinder, die wir mit meiner Ex-Frau im Wechselmodell (50/50) betreuen, wie es so schön sachlich heisst. Wie musst die Frau beschaffen sein, die so etwas als gut ansieht, und nicht auf die Ex-Frau eifersüchtig ist, und auch akzeptiert für meine Kinder eine Bezugsperson zu werden, ohne die Mutter zu ersetzen?

    Die Wahrheit ist, dass dieser Spagat nicht einfach ist. Für Männer sowie für Frauen. Und die wenigsten sind dazu geboren.

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