Vererbte Werte – vererbte Armut

Im Mietshaus schräg gegenüber von mir wohnt eine Familie. Vater, Mutter, zwei arbeitslose, erwachsene Söhne. Deren Oma, die schlecht gehen kann, wohnt ein paar Straßen weiter oben am Berg. Der eine Sohn ist ein sehr gutmütiger, ordentlicher, freundlicher junger Mann, ich glaube, er ist geistig leicht eingeschränkt. Der andere Sohn blickt immer finster drein, fährt mit laut wummernden Bassboxen im Auto durch die Gegend und hat regelmäßig Besuch von einem übergewichtigen, glatzköpfigen Neonazi.

Von dieser Familie will ich heute erzählen. Um zu veranschaulichen, was Armut eigentlich ist, und wie Armut weitervererbt wird.

Der Vater arbeitet, aber ich vermute, er verdient nicht viel, denn in der Straße, in der ich wohne, wohnen nur Leute, die nicht viel Miete zahlen weil sie sich irgendwo im unteren Drittel der sozialen Skala befinden (Unterschicht). Immerhin hat diese Familie ein Auto.

Bis vor kurzem hatte ich auch noch ein Auto. Ab und zu kam es vor, dass die Mutter dieser Familie zu mir rüber kam und mich fragte, ob ich nicht die Oma nach Hause fahren könnte. Der Vater war mit dem Auto in der Arbeit und ich machte das gerne. Die Oma war wirklich gehschwach und auch sonst gesundheitlich stark angeschlagen. Nachbarschaftshilfe!

Dann habe ich mein Auto verkauft. Da passierte es zum ersten Mal, dass ich mich wunderte. Wieder kam die Mutter rüber und fragte, ob ich für sie Auto fahren könnte. Gerne – aber ich hätte leider kein Auto mehr, informierte ich die Mutter. Oh, das habe sie gesehen, aber ich könne ihr eigenes Familien-Auto verwenden – ihr Mann sei nicht da, und sie selbst habe ja kein Führerschein und ihr Sohn (der brave, gutmütige), der auch mitfahren sollte, auch nicht. Kein Problem, sagte ich, ich bin in 5 Minuten am Auto. Dort erwartete mich aber nicht die gehbehinderte Oma – sondern die Mutter mir ihrem Sohn. Fährt die Oma diesmal gar nicht mit? fragte ich. Nein, die wäre zu Hause. Zum Frisör sollte ich die beiden fahren.

Zum Frisör? Der Frisör war ca. 10 Gehminuten entfernt.

Ohne Oma? Hatte die Mutter sich verletzt und konnte nicht richtig laufen? War dem Sohn etwas am Fuß zugestoßen?

Beide wirkten fit und gesund. Ich sagte nichts, fuhr die beiden mit deren Auto dort hin, fuhr alleine zurück, warf den Schlüssel wie verabredet in deren Briefkasten und nahm an, dass sich wohl eine der beiden Personen tatsächlich verletzt haben musste, obwohl man das auf den ersten Eindruck hin nicht bemerkte.
Vielleicht eine Sehnenzerrung, Probleme am Miniskus oder sowas.

Auf die Idee, sich von der Nachbarin um die Ecke zum Frisör chauffieren zu lassen, würde doch sonst kein Mensch kommen.
Oder?

Doch.
Zwei Wochen später kam an einem Samstag die Mutter wieder zu mir rüber. Ob ich noch mal so nett sein könnte und für die Familie Autofahren könnte? Der Vater war wieder nicht da … ginge es jetzt gleich?

Ich unterbrach meine Arbeit und ging hilfsbereit zum Auto. Wieder: keine Oma, nur Mutter mit Sohn. Kommt die Oma noch? fragte ich. Nein, antwortete der Sohn, diesmal geht es zum Edeka Einkaufszentrum.

Das Edeka Einkaufszentrum liegt ca. 15 Gehminuten entfernt. Seit ich kein Auto mehr habe, kaufe ich dort regelmäßig mit einem kleinen Einkaufstrolli ein.

Können Sie auch schlecht laufen wie Ihre Mutter – ist etwas passiert? Hatten Sie einen Unfall, sind sie krank?  fragte ich besorgt. Nein nein, sagte die Mutter, es ist nur: mein Mann fährt normalerweise samstags, aber der kann heute nicht, deshalb. Und könnten Sie uns dann auch wieder dort abholen?

Ich soll Sie beide mir Ihrem Auto zum Edeka fahren, dann dort warten bis Sie ihren Einkauf getätigt habe und Sie dann wieder nach Hause fahren?

Ja, antworteten mir beide und die Mutter fügte an: Aber sie müssen ja dort nicht warten, sei können ja zwischendrin nach Hause fahren und in einer halben Stunde kommen sie wieder, länger brauchen wir ja nicht.

Nun wurde mir klar, dass es höchste Zeit war, hier eine Grenze meiner Hilfsbereitschaft zu ziehen.
Ich erklärte, dass ich jederzeit bereit bin, gehkranke Menschen umherzufahren. Allerdings müsse sich eine Familie, die ein Auto hat und zwei junge, gesunde, kräftige Söhne, selbst so organisieren, dass es nicht nötig sei, mich, die kein Auto hat und noch dazu ihre Arbeit unterbrechen muss, als Chauffeur zu benötigen.

Ach es tut mir ja so leid, sagte die Mutter. Mein anderer Sohn, der hat ja einen Führerschein. Aber der ist ja so bös. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie der mich manchmal behandelt. Er wollte uns ja heute Einkaufen fahren. Aber er schläft noch. Ich konnt ihn nicht wecken. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie bös der manchmal ist. Was der zu mir sagt. Wenn ich ihn wecke, dann ist die Hölle los.

Das ist Armut. Armut ist, wenn eine gesunde, relativ junge Mutter mit ihrem ca. 20 Jahre alten gesunden Sohn selbstverständlich davon ausgeht, dass sie die Hilfe einer Nachbarin in Anspruch nehmen muss, um im 15 Gehminuten entfernten Einkaufscenter den Wochenendeinkauf zu erledigen, während der Vater unterwegs ist und der andere Sohn noch schläft. Vererbte Armut ist, wenn nicht einmal der Sohn auf die Idee kommt, dass diese Aufgabe auch ohne Fremdhilfe anders organisiert und bewältigt werden kann. Vererbte Armut ist, wenn der andere Sohn um zwei Uhr nachmittags noch schläft und seine Mutter mindestens verbal bedroht, wenn sie seine Hilfe benötigt.

Armut ist etwas Geistiges. Armut ist das Resultat von Werten, Prioritäten, Lebensentwürfen, von der in der Familie gelebten Kultur (falls überhaupt eine „Familie“ vorhanden ist).

Eine Antwort to “Vererbte Werte – vererbte Armut”

  1. /ajk Says:

    Jetzt habe ich etwas gelern. Danke für die Erkenntniss!

    /ajk

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