Das Ende meiner Karriere

Der Anfang und das Ende meiner Karriere<br>(Bild © KölnPhoto - Fotolia.com)

Der Anfang und das Ende meiner Karriere (Bild © KölnPhoto - Fotolia.com)

Nach meiner technischen Ausbildung fand ich eine Stelle im technischen Vertrieb einer großen, international tätigen Firma in München. Wir waren für ein neues, sehr komplexes technisches Produkt zuständig, für das es einen riesigen Markt gab. Ich hatte Glück, dort gelandet zu sein: das war ein Karrieresprungbrett. Da ich aber nicht, wie die anderen, studiert hatte, sondern ’nur‘ eine Ausbildung hatte, war ich zunächst mehr eine Hilfskraft – die anderen hatten die interessanten Kunden und ich konnte bestenfalls einmal eine Vertretung machen, ansonsten nur zuarbeiten.

Ich zeigte aber meine Bereitschaft, mehr Verantwortung zu übernehmen und baldmöglichst ‚meinen eigenen’ Großkunden übernehmen zu wollen. Das wurde misstrauisch-wohlwollend beäugt.

Und dann war es endlich soweit, dass ich zum ersten Mal mehr Verantwortung bekam: ich sollte meine ganze Gruppe auf einer wichtigen internen Konferenz in Berlin vertreten, wofür ich vormittags um 8:00 Uhr hin- und nachmittags wieder zurückfliegen sollte. Da ich bereits um 6:00 das Haus verlassen musste um mit U- und S-Bahn zum Flughafen zu fahren organisierte ich meine immer zuverlässige und hiflsbereite Mutter als Babysitter für meinen kleinen Sohn, den sie gegen 8:00 in die Kinderkrippe bringen würde.

Auf nach Berlin!

Auf nach Berlin! (Bild © Visionär - Fotolia.com)

Um 5:55 wollte meine Mutter bereits bei mir eintreffen, um meinen noch schlafenden Sohn zu übernehmen. Ich stand geschniegelt und gestriegelt um 5:55 bereit … es wurde 6:00 … es wurde 6:05 … es wurde 6:10 … 6:12 … verdammt, ich musste dringend weg – wo war sie?

Ich griff zum Telefon und rief sie an, nutzlos, denn sie würde längst in der U-Bahn sitzen und ein Handy hatte sie damals noch nicht. Tuut – Tuut – da meldete sich völlig verschlafen meine Mutter! Ihr Wecker hatte nicht geklingelt, obwohl er eingestellt war!
Ich kann an dieser Stelle schwören, dass meine Mutter absolut keine chaotische Person ist, sondern im Gegenteil die zuverlässigste, pünktlichste und hilfsbereiteste Frau, die ich kenne. So etwas war noch nie passiert! Ausgerechnet, als ich zum Flughafen musste! Das erste Mal für meine Gruppe!

Sie sprang erschrocken sofort auf und kam per Taxi zu mir durch die halbe Stadt gefahren. Bis sie bei mir eintraf, war es 6:55.
Ich übernahm das Taxi, denn mit U- und S-Bahn (wie ursprünglich geplant) hätte ich das Flugzeug um 8:00 niemals erreicht. „So schnell wie möglich zum Flughafen!“. Der Flughafen liegt außerhalb der Stadt und es war eine lange Fahrt, die Autobahn um diese Zeit nicht gerade leer.
Um 7:58 waren wir am Terminal, ich sprang aus dem Taxi und rannte so schnell ich konnte zum Check-In – zu spät. „Die 8-Uhr-Maschine ist gerade weg.“ teilte mir die Flughafenangestellte mitleidig mit.
Der nächste Flieger, den ich hätte nehmen können, wäre erst 2 Stunden später gegangen. Ich wäre frühestens gegen Ende der Konferenz in Berlin gewesen – völliger Quatsch.

Könnt Ihr Euch vorstellen, wie ich mich fühlte?
Das erste Mal für die Firma mehr Verantwortung, das erste Mal für die Firma auf eine Besprechung nach Berlin fliegen, das erste Mal die ganze Gruppe vertreten und das Flugzeug zu verpassen?

Es war schrecklich. Ich sehe mich noch am Flughafen München zum öffentlichen Telefon gehen (das war noch, bevor jeder ein Handy hatte), die Telefonkarte einschieben, meinen Chef anrufen und sagen:

„Ja also … ich bins … also, sorry, tut mir leid, ich habe den Flieger verpasst, der Babysitter kam nicht. Tut mir leid. Der nächste Flieger in dem ich einen Platz gekriegt hätte, wäre erst in 2 Stunden gegangen. Tut mir echt leid.“

Ich bin dann gleich in die Firma gefahren – mit S-Bahn, U-Bahn. Ich sehe mich noch von der U-Bahn zum Firmenkomplex gehen, vorbei an dem Reisebüro, wo man solche Flüge gebucht hat. Ich habe die ganze Zeit gedacht: das kann einfach nicht sein. Das darf einfach nicht sein. Warum passiert mir das? Warum ist mir das nur passiert? Warum kam meine Mutter ausgerechnet heute zu spät?

Und dann habe ich erkannt:

Ich habe ein Kind. Ich bin die nächsten Jahre immer auf einen Babysitter angewiesen. Dieses Risiko besteht immer. Es ist aufwändig, einen verantwortungsvollen Job mit Dienstreisen zu haben und gleichzeitig ein Kleinkind allein zu erziehen. Das funktioniert nicht. Ich kann keinen eigenen Großkunden übernehmen. Ich habe ein Kind.

Und dann – auf diesem Weg von der U-Bahn ins Firmengebäude – habe ich einen Entschluss gefasst:

Ich muss mir einen anderen Job suchen. Einen, wo sowas nicht passieren kann. Wo ich keine Dienstreisen machen muss. Einen Job, den ich besser mit meinem Kind vereinbaren kann.

Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe innerhalb der Firma eine andere Aufgabe gesucht und gefunden, in einem anderen Team. Sehr nette Leute, sehr gutes Klima, weniger stressig (kein Vertrieb) und ich konnte sogar an 2 Tagen die Wochen Teleworking machen! Es passte alles. Es handelte sich um eine einfaches, klar umrissenes und spezialisiertes Aufgabenfeld. Nur: Karriere konnte ich in diesem neuen Job nicht machen.

Entweder – oder.

Dieser Artikel ist auch eine Antwort auf den Blog-Artikel „Die Lohnschere“ auf dem Feministinnen-Blog „Die Mädchenmannschaft„, die natürlich im Großen und Ganzen genau das Gegenteil schreiben und denken wie ich. Jung und naiv, wie sie eben sind (und ich es auch mal war!). Hey Mädels: Keine Karriere – keine Kohle. Ist doch klar, oder? 😉

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