Gut, dass ich gescheitert bin.

Kurz vor der Pleite.

Persönlich und beruflich gescheitert.

Ich wollte es allen zeigen. Mir selbst, meinem Sohn – „sieh mal, was ich geschafft habe, das schaffst Du auch wenn Du mal groß bist“ – , meinen Freunden, meinen Bekannten. Ich fühlte mich unschlagbar. Und ich dachte, ich könne alles schaffen: eine gute Mutter sein und beruflich ‚meinen Mann stehen‘.

Als ich mich selbstständig gemacht habe, dachte ich, das sei ein besonders kluger Schachzug für mich und meinen Sohn. Ich konnte von zu Hause aus arbeiten, war also anwesend, konnte ihm mittags nach der Schule eine warme, gesunde Mahlzeit kochen, hatte alles im Griff und konnte zugleich Karriere machen. In meinem eigenen Unternehmen. Ich war vorbildlich.

Je vorbildlicher ich aber war, desto mehr begann mein Sohn, zu rebellieren. Es war geradezu so, als ob immer wieder gegen das Gelingen unseres vorbildichen „EinEltern-Familien-Lebens“ kleine Attentate ausführte. Verweigern jeglicher Mitarbeit für die Schule, kleinkriminelle Delikte, Zerstören von Sachen usw.

Ich gab mir größte Mühe ihm alles zu bieten, was möglich war. Ich ging mit ihm ins Theater – das langweilte ihn. Ich las ihm vor, kaufte ihm Bücher – die er nicht las. Ich redete mit ihm über Gott und die Welt – was er langweilig und nervend fand. Ich habe hundert Mal Anlauf genommen, mit ihm für die Schule gemeinsam zu lernen – was in teilweise heftigen Streit und Wutausbrüche (beiderseits) ausartete.

Und ich wollte, obwohl ich eine Frau bin, ihm auch Vater sein. Ich machte ‚männliche Sachen‘, wie z.B. die Wohnung handwerklich renovieren, kleinere Installationsarbeiten in der Küche, insbesondere kannte ich mit Computern besser als manch anderer Vater aus, weil ich sowieso eine technische Ausbildung in dieser Richtung gemacht hatte und auch in einem männlich dominierten Beruf gearbeitet hatte, bevor ich mich selbstständig machte.

Aber es wurde immer schlimmer.  Ein Jahr, nachdem ich meinen Job aufgegeben hatte, um mich selbstständig zu machen, sah ich glasklar, dass mein damals 10-jähriger Sohn unweigerlich auf eine kriminelle Schiene mit seinen Freunden aus der Hauptschule geraten würde, wenn ich ihn aus seinem sozialen Umfeld nicht herausnehmen würde. Also zog ich um, in ein kleines Städtchen auf dem Land ziemlich weit weg von der Großstadt, in der wir gelebt hatten.

Auch hier, in unserem kleinen Ort war es schwierig mit meinem Sohn. Das kriminelle Potential der Jugendlichen hier ist aber niedriger als in der Großstadt, was die Sache etwas leichter machte. Trotzdem passierte eine kleine Katastrophe nach der anderne. Schulversagen, Diebstahl, Sabotage.

Jedoch: je schlechter es mir geschäftlich und persönlich ging, desto besser lief es mit meinem Sohn.

Es war fast so: je mehr für mich ‚Land unter‘ war, gewann mein Sohn Oberwasser.

Meine Firma ging immer mehr den Bach runter. Ich nahm vor Einsamkeit und Frustration und Mangel an Urlaub und Freizeit 20 kg zu, zog mich stark von der Außenwelt zurück und ging gründlich in mich.
Ich änderte meine Einstellungen um 180 Grad. Ich warf sämtliche feministischen Ideale über Bord und gestand mir endlich ein, dass ich kein Mann war und auch keinen Mann ersetzen konnte, obwohl ich technisch begabt bin und dass ich meinem Sohn keinen Vater ersetzen kann. Ich hörte auf zu versuchen, meinem Sohn irgendwelche feministischen Ansichten anzuerziehen und begann, ihn bewusst auf sein Mannwerden anzusprechen und mehr und mehr die Wesensunterschiede zwischen ihm als Mann und mir als Frau zu betonen. Ich begann, mit ihm darüber zu reden, dass er als Mann später einmal vermutlich die Versorgerrolle in der Familie übernehmen würde, weil er der Mann sei und welche Verantwortung er als Mann später einmal für seine Frau und seine Kinder haben würde.

Ich begriff mehr und mehr, dass ich einem falschen Rollenideal hinterhergerannt war und einen Riesenfehler in meinem Leben gemacht hatte. Ich begann, den Wert und Sinn von „Familie“ und das Wesen „Mann“ und „Vater“ plötzlich zu begreifen. Das war ein schmerzhafter Prozess, weil ich starke Schuldgefühle bekam und auch heute immer noch habe.

Ich begann, meinem Sohn die Fehler, die ich gemacht hatte, auch offen zu sagen und ihn auf den Wert von „Familie“ hinzuweisen. Ich betonte auch, dass ich glaube, dass es traurig und schade ist, dass er keinen Vater habe und dass ich vor 15 Jahren einen anderne Mann hätte suchen müssen und eine Familie gründen sollen und dass es ein Fehler war, dass ich das nicht getan habe.

Aus mir, der vor Selbstbewusstsein sprühenden, jungen, lebenslustigen, abenteuerlustigen, blonden, hübschen, schlanken, beliebten, alleinerziehenden Unternehmerin wurde in den letzten Jahren eine von Selbstzweifeln gequälte, nachdenkliche, auch wütende (auf sich und einen Teil der Welt), sehr viel bescheidenere, einsame Frau Anfang 40, die zwar ihren Optimismus nicht gänzlich verloren hat, aber die Welt und sich selbst doch sehr viel nüchterner sieht und sehr konservative Einstellungen hat.

Gleichzeitig wurde langsam, ganz langsam aus meinem störrischen, unmotivierten, unverantwortlichen, frechen Sohn ein selbstbewusster, ausgeglichener, immer noch nicht sehr aber wenigstens etwas motivierter junger Mann, der ab und zu rührend gute Charakterzüge zeigt, immer öfter hilfsbereit ist, manchmal geradezu vernünftig wirkt, sich nach verbalen Frechheiten bei mir entschuldigt, morgens von selbst aufsteht und darauf achtet, nicht zu spät zur Schule zu kommen und für ein Betriebspraktikum freiwillig die Hip-Hop-Klamotten zu Hause lässt und in ordentlicher Hose und Pullover das Haus zur Arbeit verlässt.

Wie kann es sein: Je schlechter es mir ging, desto besser ging es meinem Sohn?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Die Antwort, die ich gefunden habe lautet:

Meine starke Persönlichkeit und demonstrierte Perfektion und Vorbildlichkeit haben meinen Sohn erdrückt. Zudem habe ich als feministische Frau ‚männliche Felder‘ besetzt, so dass für meinen Sohn, der ja keinen Vater hatte, an dem er sich hätte orientieren können, keine Identifikationsmöglichkeiten mehr übrig blieben. Die Männerdomäne für pubertierende Jungs schlechthin – Computertechnik und Software – hatte ich, seine Mutter, in Beschlag genommen. Eine Kampfsportart? Lernte ich, seine Mutter schon vor ihm im Sportverein. Mein Sohn konnte sich nicht positiv durch irgendeine ‚männliche Aktivität‘ als Mann identifizieren und probierte es daher negativ – indem er gegen alles rebellierte, was ich, seine Mutter, als Frau tat und dachte und anstrebte.

Erst als ich beruflich scheiterte und zugleich das feministische Weltbild aufgab und nicht mehr anstrebte, meinem Sohn als Mutter zugleich den Vater zu ersetzen, entspannte sich die Situation für meinen Sohn langsam.

„Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich“ – damit hat Herbert Grönemeyer Recht.

Gut, dass ich gescheitert bin.

3 Antworten to “Gut, dass ich gescheitert bin.”

  1. /ajk Says:

    hervorragend! Ich finde sie haben sogar mehr kapiert als ich vor einigen Jahren. Und ich bin männlich..

    /ajk

  2. Weblog gegen Alleinerziehende « Sophisticus Says:

    […] Interessant: “Wie kann es sein: Je schlechter es mir ging, desto besser ging es meinem Sohn?” […]

  3. Barbara Says:

    Hat mich sehr beeindruckt. Vielen Dank!

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