Werteverwirrung

Rauchen an der Schule   (© ricky_68fr - Fotolia.com)

Rauchen an der Schule (© ricky_68fr – Fotolia.com)

Im Sommer 2008 wurde mein Sohn beim Rauchen erwischt: außerhalb des Schulgeländes, aber in Sichtweite der Schule. Nach mehrfachen Verwarnungen bekam er einen verschärften Verweis mit Drohung eines Schulausschlusses. Ein Schulausschluss ist genau das, was ein unmotivierter, pubertierender Hauptschüler mit mittelmäßig bis schlechten Noten ganz sicher nicht braucht. Damit ist er nämlich auf dem besten Weg, die Schule ganz hinzuwerfen.

Ich schrieb folgenden Brief an den Rektor der Schule (den ich ansonsten sehr schätze):

03.06.2008

Sehr geehrter Hr. <…>,

 

es ist in der Tat sehr ärgerlich, dass mein Sohn wieder beim Rauchen in Sichtweite von der Schule erwischt wurde.

 

Ich habe meinen Sohn für den Vorfall bestraft.  Er muss sich an die Regeln der Schule halten und insbesondere bzgl. „Rauchen in der Schule bzw. in d. Nähe der Schule“ ist er ja bereits vorgewarnt worden.

 

Wie Sie bin ich der Meinung, dass Rauchen schädlich ist. Ich bin seit jeher überzeugte Nichtraucherin. Meinem Sohn habe ich das Rauchen streng verboten. Zu Hause raucht er nie. Mein Sohn ist von mir (und von der Schule, wie ich annehme) über die krankmachenden Wirkungen des Rauchens aufgeklärt.

 

Anders als Sie bin ich allerdings der Meinung, dass das Rauchen an sich (d. h. im Folgenden aus dem Zusammenhang der Schulregelverletzung herausgelöst) kein schweres moralisches Vergehen ist.

Ich meine, dass hier ein Wertekanon durcheinander geraten ist. Rauchen von Jugendlichen ist nicht ebenso verwerflich wir Diebstahl, Tierquälerei, Gewalttätigkeit oder Lügen […].

„Rauchen“ ähnlich einem der vorgenannten Tatbestände zu behandeln und zu bestrafen trägt meiner Meinung nach dazu bei, den Jugendlichen Werteurteile zu erschweren.

„Gesundheit über alles“ – dieses Motto ist in meinen Augen falsch.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

<Unterschrift>

Ich verstehe, dass die Schule nach mehrfachen Verwarnungen Konsequenzen ziehen muss. Und ich verstehe, dass die Schule kaum Möglichkeiten hat, Konsequenzen zu ziehen, außer diese dummen, hilflosen Verweise. Ausgerechnet wegen Rauchen in der Nähe der Schule aber mit vollem Kanonenrohr (verschärfter Verweis! Schulausschluss!) zu schießen, kommt mir vor, als würde jemand sich dauernd über einen unverschämten Nachbarn ärgern und schließlich, als die Geduld zu Ende ist, dessen Katze erschlagen.

Ich denke, dass das Rauchen ein relativ harmloses Mittel der Rebellion ist. Alle Jugendlichen rebellieren. Alle Jugendlichen provozieren. Es ist von Generation zu Generation immer dasselbe Spiel. Solange das Rauchen ein wirksames Mittel der Provokation sein kann, ist die Welt in Ordnung.  Mir ist lieber, mein Sohn raucht heimlich (zu meinem Entsetzen und zur Empörung seiner erwachsenen Umwelt!) als dass er seine Umwelt mit Rechtsextremismus brüskiert, wie das einer seiner Freunde tut. (Neulich, als dieser Freund bei uns zum Mittagessen war: „Ich bin Nationalsozialist – wir Deutschen sollten reinrassig bleiben“).

Dass die Jugendkriminalität zugenommen hat, kommt auch daher, dass es heute nur noch wenig gibt, womit Jugendliche wirksam provozieren können. Lassen wir ihnen das Rauchen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: